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REISEFÜHRER SÜDFRANKREICH
Rezensent: Dominik Ruisinger

Das Buch: Südfrankreich: Ralf Nestmeyer, Michael Müller Verlag, 3. Auflage, Erlangen 2006, 776 Seiten mit 291 Fotos, 83 Karten und Plänen, Preis: 24,90 EURO, ISBN 3-89953-255-4

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Seit jeher ist Südfrankreich das klassische Ziel einer Frankreichreise. Pulsierende Großstädte wie Marseille und Toulouse, mondäne Badeorte wie Cannes und Nizza, Bilderbuchstädte wie Aix-en-Provence und Avignon, verträumte Bergdörfer wie Gourdon und Minerve, einsame Canyons in der Ardèche und in den Pyrenäen – das touristische Angebot ist wahrhaft grenzenlos. Jetzt hat sich der Michael Müller Verlag erstmals der gewaltigen Herausforderung angenommen, ganz Südfrankreich in ein Buch hineinzupressen. Dafür hat er mit Ralf Nestmeyer einen Spezialisten gewonnen, der die Region wie seine Westentasche kennt. Ein geflügeltes Wort, das sich hier mal am richtigen Platz befindet, ist der Autor doch zusätzlich Herausgeber einer Anthologie über die Provence und die Côte d'Azur. Sein jetzt vorliegendes Ergebnis: 736 Seiten "Reiseführer Südfrankreich" – ein stolzer Wälzer.

SCHNELLE ANNÄHERUNG AN DAS THEMA
Viel Platz räumt der studierte Historiker gleich zu Anfang Landschaft und Geographie ein. Detailliert geht er auf das sehr uneinheitliche südfranzösische Landschaftsbild ein, mit den tiefen Tälern und Schluchten, den schneebedeckten Gipfeln und einsamen Hochebenen. Auch 25 Seiten Geschichte – von den ersten Spuren bis heute – sind durchaus angemessen und interessant zu lesen. Nestmeyer macht es dem Leser leicht, in das Thema einzutauchen. Er wählt einen Mix aus Klischeebilder wie dem blauviolett blühenden Lavendel als (Postkarten-)Farbe der Provence, aus regionalen Besonderheiten – die Entstehung des Gesangs der Troubadoure im 12. Jahrhundert ist hierfür ein Beispiel und aus nützlichen Adressen und Terminen wie einem Festivalkalender. Wirklich lobenswert – auch wenn eine Ergänzung der Festivals um vorhandene Online-Adressen durchaus sinnvoll gewesen wäre.

Ausführlich skizziert er die Anfahrtsmöglichkeiten und Transportmittel nach und innerhalb von Südfrankreich, die verschiedenen Menüangebote und Übernachtungsformen von Hotelketten über Ferienhäuser bis zum gerade in Frankreich äußerst beliebten Camping - selbstverständlich immer inkl. Kontaktadressen. Vorbildlich im Service-Teil ist seine umfangreiche Literaturliste mit kurzen Kommentaren zu den einzelnen Büchern. So einen hilfreichen Wegweiser hätte man sich ebenfalls bei den Internet-Adressen erwünscht. Doch hier ist das Buch schwach. Ganze acht, eher allgemein gültige Adressen ohne jegliche Kommentierung. Schade. Hier wurde die Chance verschenkt, dem Leser bereits am Anfang des Buches eine Hilfestellung für die eigene weitergehende Recherche zu geben.

EINE SÜDFRANZÖSISCHE REISE
In 12 Etappen reist Nestmeyer durch Südfrankreich - entlang der Rhone, durch die Hautes-Alpes und Haute-Provence, die Seealpen, vorbei an der Côte d'Azur und den feudal-eleganten Kleinoden Monaco und Nizza bis in die Metropolen Toulouse und Montpellier. Nestmeyer isst in der kulinarischen Metropole Lyon, besucht die einzige Weinuniversität der Welt in Suze-la-Rousse und den größten europäischen Meerwasserzoo bei Biot, verfällt in der Fondation Maeght dem Rausch moderner Kunst, erinnert an den Jungfernflug der gerade ausrangierten Concorde, genießt das Licht, das viele Maler wie Van Gogh so genossen haben, tritt an der weltberühmten Côte d'Azur ins pralle Leben und flaniert die Croisette im schillernden Cannes entlang.

"Preise das Meer und bleibe am Land". Diesem provenzalischen Sprichwort folgend dringt der Autor ins Innenland ein, wandert durch die einsamen Höhenzüge der Cevennen und das Land der weißen Pferde, die Camargue, beschreibt eindrucksvolle Erlebnisse in wilden Schluchten – ob in den Pyrenäen oder in der Ardèche. Äußerst inhaltsleer und der zweitgrößten Stadt Frankreichs nicht angemessen dagegen sein kurzer Marseille-Ausflug. Kein "Marius" als berühmteste Figur der Hafenstadt, keine Tipps für die junge, immer stärker pulsierende multikulturelle Szene, kein Hinweis auf eines der größten europäischen Infrastrukturprojekte, auf "Euroméditerranée", das seit einigen Jahren an vielen Stellen die Stadt völlig umgestaltet, um sie als Dienstleistungsmetropole an der Grenze zwischen Europa und Afrika zu positionieren. Ein bißchen Hafen, ein bißchen Immigration - das war's. Leider.

Reizvoll zu lesen dafür die historischen Episoden, die Nestmeyer immer wieder einstreut: Die Affäre Dominici beispielsweise, wo ein Mord ein nie gelüftetes Geheimnis blieb; die unrühmlichen Machenschaften der Bürgermeister von Nizza und Marseille; die Geschichten vom genialen Baumeister des Sonnenkönigs oder von Nostradamus; die Bedeutung von Sanary-sur-Mer als Hauptstadt der deutschen Literatur in den 30er Jahren oder die bedenklichen Erfolge des rechtsradikalen Front National und die damit verbundenen Folgen für die Region.

FAZIT
Das Buch ist proppevoll an Informationen und eine perfekte Eintrittskarte für Südfrankreich. Nestmeyer schreibt dazu kenntnisreich und informativ - wenn auch etwas trocken -, seine Zeit- und Preisangaben für Restaurants, Busfahrpläne, Eintritte sind sorgfältig recherchiert, die Beschreibung der Orte exakt, seine Farbfotos eindrucksvoll, die schwarz-weiß Bilder eher wechselhafter Qualität. Zusätzlich lässt er immer wieder literarische und cineastische Querverweise einfließen, was den Texten eine stärkere Bildsprache verleiht.

Man kann ihm vorwerfen, dass er es versäumt hat, bei der Fülle an Informationen und Hinweisen Schwerpunkte zu setzen. Gerade ein kleiner Leitfaden mit einer Auswahl an Reisetipps hätte vielen Lesern sicherlich als Orientierung geholfen. Und dies selbst dann, wenn man sich eng an Nestmeyers anfänglichen Hinweis hält: So komme es nur darauf an, "ob Kultur oder Natur, Stadt oder Land, Berge oder Strand im Mittelpunkt des Interesses stehen". Wie wahr.

     © Dominik Ruisinger