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REISEFÜHRER NORDSPANIEN
Rezensent: Dominik Ruisinger 

Das Buch: Nordspanien: Thomas Schröder, Michael Müller Verlag, 5. Auflage, Erlangen 2005, 568 Seiten mit 192 Fotos, 36 s/w-Karten, Preis: 19,90 €, ISBN 3-89953-194-9

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Fernab der Massen
Im Nordspanien gibt es noch viel zu entdecken. Mit diesem Leitsatz könnte man den Führer von Thomas Schröder zusammenfassen, der jetzt in der vollständig überarbeiteten 5. Auflage vorliegt. So ist der Norden Spaniens bis heute ein weitgehend unbekannter Ort geblieben, ein Paradies für entdeckungsfreudige Individualisten, eine Region fernab des Massentourismus, ein Ort der Gegensätze. In kein Spanienklischee scheint er zu passen: Keine Garantie auf Sonne, kein Flamenco, keine Bettenburgen, kaum Tourismus – nur der Stierkampf erinnert an das überlieferte Bild der iberischen Halbinsel.

Der Norden gilt als "Grünes Spanien". Zu recht. Das atlantische Klima sorgt für regelmäßige Regengüsse, stürmische Tage, Nebelschwaden und eine üppig wuchernde Vegetation. Schmale Straßen schlängeln sich durch frische Almen und fruchtbare Landstriche, die sich in einem sattgrünen Kleid zeigen. Zusammen mit zwei mächtigen Gebirgen – den Pyrenäen und der Kantabrischen Kordillere -, schwarzweißen Kühe und zahllosen Schafen bietet sich so ein Bild, das an die Schweiz oder Bayern erinnert – zusätzlich mit Meeresnähe. Denn morgens Berg wandern, nachmittags baden gehen, das ist hier kein Problem.

Kenntnisreiche Neugier
Schröder hat sich eine große Aufgabe gestellt. Er zieht einen immensen (Reise-)bogen über 7 autonome Gemeinschaften – Galizien, Asturien, Kastilien-León, Kantabrien, Baskenland, La Rioja, Navarra, über ein vielschichtiges Gebiet mit Unterschieden, Traditionen sowie drei gesprochenen Sprachen - baskisch, galizisch, kastilisch. Und, um es gleich vorweg zu nehmen, Schröder besteht diese Aufgabe mit Auszeichnung.

Wie die meisten Reiseführer des Michael-Müller-Verlages ist auch Nordspanien sorgfältig aufgebaut. Kompakte Einführung in Geschichte, Kunst und Architektur, Flora und Fauna, mit Gewicht auf Feste, Riten und den Jakobsweg, gefolgt von Tipps und Tricks zu Übernachtung, Literatur und Information, einer exakten Schilderung der Reiserouten inkl. Stopps, Bahnhofswechsel und Einkehrstipps auf der Fahrt über Frankreich (!), Hinweisen zur richtigen Motorradbekleidung – hier bleibt kein Wunsch unerfüllt.

Ab Seite 127 beginnt die regionale Beschreibung. Schröder zeichnet sowohl den durchs Landesinnere führenden Jakobsweg als auch die landschaftlich reizvolle Küstenroute nach. Auf seiner Tour ist für jeden etwas dabei: elegante Seebäder, lebhafte Fischerorte mit schmucken Häfen, lieblich-stille Strandperlen, wilde Naturparks, Gebirgswanderungen, steinzeitliche Zeichnungen, moderne Kunst. Natürlich fehlen nicht die klassischen Highlights: Weder ein Besuch des hypermodernen Guggenheim Museums in Bilbao, noch eine Tapa-Tour im Seebad der Könige San Sebastián, noch eine Pilgerfahrt den Jakobsweg entlang oder ein Besuch der 'gläsernen Stadt' La Coruna.

Schröder schreibt detail- und kenntnisreich und vor allem Service orientiert. Er weist auf besondere Besichtungszeiten hin, auf spezielle Feiertage oder Wallfahrten, auf lokale Museen wie z.B. das 'Museo de la Sidra', auf Probleme von Wohnwagenfahrern, klärt über die politische Situation im Baskenland auf und warnt vor Touristenfallen oder übervölkerten Heiligtümern – von denen es im Nordwesten jedoch nur wenige gibt. Er erzählt die Geschichte vom abenteuerlustigen Kämpfer El Cid und die Legende des gebratenen Federvieh von Santo Domingo, das vom Teller aufstand, krähte und davon flog. Das besondere dabei: Schröder lässt reichlich Raum für eigene Entdeckungen.

Auch die vielen Feste und Riten finden Platz. Wie die Sardinenfeste in Galizien, das Fest des Aals, die wilden Weinfeste oder das berühmteste Hemingway-Fest: San Fermín in Pamplona. Selbst die negativen Auswirkungen lässt Schröder nicht unerwähnt. Beispiel San Fermín: "Nicht nur Amerikaner torkeln auf Papa Hems längst verwehten Spuren; San Fermín ist in weiten Teilen zur internationalen Promilleparty mutiert. (...) Dennoch: Wer irgendwie kann, darf sich das Spektakel nicht entgehen lassen!" Ausführlich widmet sich der Autor der kulinarischen Vielfalt der wohl besten Küchen Spaniens, den Gaumenspezialitäten und Genüssen, von Spezialitäten und Traditionen, von Fischen und dem auch bei uns nicht ganz unbekannten Rotwein von La Rioja.

Bei der Fülle an Informationen sind durchaus kleinere Mankos zu verzeihen, die nur Kennern der Region auffallen. So fehlt beispielsweise das berühmt-berüchtigte Gänsefest 'Los Gansos' im baskischen Örtchen Lekeitio. Auch wurden Teile des bosque animado de OMA, des bemalten Waldes im Baskenland, weniger von ETA-Anhängern als durch Eigentümer des Grundbesitzes zerstört (El País vom 7.11.1999). Aber dies ist fast Nebensache.

Fazit 
Schröder macht deutlich, dass Nordspanien für jeden Geschmack etwas bereit hält - für Wanderer und Sonnenanbeter, für Flaneure und Gourmets, für Kunstliebhaber und Individualisten. Auch wenn die teils etwas matten Bilder den Lesegenuss etwas trüben, ist das Reisehandbuch bedingungslos als wichtiger, zuverlässiger und aufschlussreicher Begleiter zu empfehlen.

Nordspanien ist ein rundum gelungenes, sauber recherchiertes Buch. Kein Aspekt ist vergessen, kein beliebter Weg allein gelassen – die Schilderungen machen Lust auf den nächsten Urlaub, auch wenn dieser noch weit weg sein mag.

Weitere Themen zu Nordspanien bei @text:
- Reportage: Baskische Impressionen - die unberührten Reize Urdaibais (Baskenland)
- Reportage: Mahnmal gegen das Vergessen (Aragonien)

     © Dominik Ruisinger