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REISEFÜHRER HAUTE-PROVENCE
Rezensent: Daniel Khafif-García

Das Buch: Haute-Provence / Hautes-Alpes: Ralf Nestmeyer, Michael Müller Verlag, 1. Auflage, Erlangen 2003, 224 Seiten mit 99 Farbfotos, 21 Karten und Plänen, Preis: 12,90€, ISBN 3-89953-104-3
Die Bestellung: Interesse am Buch? HIER können Sie es direkt und einfach online bestellen.

Wer bei der Lektüre von Ralf Nestmeyers Reiseführer "Haute–Provence / Hautes–Alpes" den Titel ignoriert, könnte meinen, er befände sich in einem Land fernab Europas – mit gleichsam rauen, wie reizvollen Landschaften, stolzen, zurückhaltenden und vor allem wenigen Menschen. Das Gegenteil ist der Fall: Der Autor führt uns mitten hinein in Europas wildes Herz, den äußersten Südosten Frankreichs zwischen den Skigebieten der Seealpen und mediterranen Badeorten wie St. Tropez. Wer hätte gedacht, dass selbst in der sommerlichen Hochsaison viele ruhige und entrückte Orte nahe der Cote d’Azur dem Einkehr Suchenden Abstand und Entspannung geben können?

Die Region: Welt der Wunder
Ralf Nestmeyers ist ein erfahrener Kenner der Region, nicht nur hinsichtlich ihrer aktuellen Reize und Reiserouten, sondern vor allem ihrer Geschichte und Gesellschaft. Wussten Sie, dass die Wurzeln von mehr als 20.000 Mexikanern im Ubaye–Tal liegen? Dass Lioux kein Indianerstamm, sondern ein provenzalisches Dorf ist? Oder dass Europas größter Canyon im Verdon–Tal liegt? Wem die Reise in die Neue Welt zu lang oder zu teuer ist, der kann also bequem in unser Nachbarland fahren, um dort Wunder und Welten zu entdecken, die man sonst auf anderen Kontinenten glaubte.

Ab dem 19. Jahrhundert gingen zwei Drittel der jungen Männer des verarmten provenzalischen Ubaye–Tals nach Mexiko, um dort ihr Glück zu finden. Trotz des Vorsatzes, nur so lange in Mittelamerika zu bleiben, bis Wohlstand und Erfolg gesichert wären, kehrten gerade zehn Prozent der Emigranten wieder in ihre südfranzösische Heimat zurück – die überwiegende Mehrheit integrierte sich nach und nach in die aufstrebende mexikanische Gesellschaft. Die wenigen Heimkehrer stellten ihren Reichtum indes deutlich zur Schau und errichteten prunkvolle Herrenhäusern und Mausoleen anstelle simpler Gräber, welche auch heute noch in der Gegend um Ubaye bewundert werden können.

Das provenzalische Dorf Lioux zeigt imposante Eindrücke ganz anderer Art: Direkt hinter dem Ort steigt eine mächtige Felswand hundert Meter senkrecht in die Höhe. Landschaftlicher Höherpunkt der Haute-Provence ist aber sicherlich der Grand Canyon du Verdon: Auf 170 Kilometern schneidet die Verdone einen tiefen Riss in die Erde, bis sie schließlich südlich von Manosque in die Durance mündet. Wer dem Lauf des mitunter reißenden Flusses von 2.500 Meter Höhe bis zum Ende folgen möchte, dem hat Nestmeyer anhand von Karten und Bildmaterial einige Impressionen beigefügt.

Für Nase, Mund und Augen 
Die Qualität der Fotos hat sich in diesem neuen Reiseführer des Michael–Müller–Verlages verbessert. Es heißt jetzt "Mittendrin" statt "Nah dabei"! Vor allem die Aufnahmen üppiger Lavendelfelder, welche eine der wirtschaftlichen Haupteinnahmequellen der Region bedeuten, lassen den Leser fast den würzigfrischen Duft erahnen, der zusammen mit den lila Lavendelblüten die Landschaft der Provence charakterisiert. Nestmeyer kommt von den Kräutern auf die Küche und vergisst nicht, die provenzalischen Gaumenfreuden zu beschreiben, denen wie kaum in einer anderen Gegend Frankreichs Majoran, Estragon, Rosmarin, Thymian beigefügt werden, welche an nahezu jeder Hauswand zu gedeihen scheinen. Allerdings wäre es für den Leser hilfreich, das Kapitel der Kulinaria noch etwas mehr zu behandeln, denn es erscheint im Gesamtkontext des Reiseführers etwas knapp. Zwar beschreibt der Autor die Haute Provence wiederholt als herb und rustikal, doch dies gilt bestimmt nicht für die deftige Küche, die nicht nur Lamm, Wild und Geflügel im Ofen zu Kunstwerken verwandelt, sondern sich auch in Poseidons Garten des nahen Mittelmeeres bedient.

Die Stärke Nestmeyers, durch erworbene Kenntnis und genaue Beobachtung der Menschen der Haute–Provence, ihre Geschichte, Wirtschaft und Kultur bis zu uhrer besonderen provenzalischen Sprache zu beschreiben und damit tief, aber behutsam in ihre Seele einzudringen, scheint bisweilen nicht frei von Akribie. Dies ist für den praktischen Zweck eines Reiseführers natürlich nicht abträglich, doch es fällt bei Themen wie der Gastronomie und der Freizeit eben auf, dass sie spartanischer behandelt werden, als soziale und historische Themen. Je nachdem, was der Leser von einem Reiseführer erwartet, ist dies aber genau der Unterschied und vielleicht Pluspunkt gegenüber vergleichbarer Reiseliteratur: Wenn der Urlaub in erster Linie ein Entdecken sein soll, so überlässt es der Autor den Reisenden, wo sie ihre Sinne kitzeln können und liefert Hintergründe und Fakten, die sich sonst nur schwer erschließen lassen.

Fazit
Insgesamt betrachtet ist es dem Michael Müller Verlag erneut geglückt, einen rundum praktischen wie informativen Reiseführer herauszugeben. Vor allem der historische und kulturelle Kontext ist spannend beschrieben. Autor Ralf Nestmeyer, der bereits fünf Reisebücher über französische Reiseziele publizierte, besteht auch die sprachliche Reise auf einem dünnen Grat zwischen Pragmatismus und kritischer Betrachtung. Gerade die Fußnoten respektive Arten– und Naturschutz sind ein Plus für einen modernen Reiseführer. Wünschenswert wäre, so weit möglich, neben einer differenzierteren Betrachtung von Küche und Freizeit auch eine breitere Darstellung der Reisetipps für Behinderte, Familien, Senioren und Gays, die im vorliegenden Band nur gestreift werden.

Der Aufbau des Reiseführers "Haute-Provence / Hautes–Alpes" folgt einer klaren und übersichtlichen Struktur: Nach einer allgemeinen Einführung erfährt der Leser Wissenswertes zu Geschichte, Geographie und Gesellschaft. Zur eigenen Recherche folgt eine bibliographische Auswahl von Sachbuch du Belletristik zur Region. Danach bekommt der Leser praktische Reisetipps von A bis Z. Erst nach dieser effizienten Grundlage geht der Autor auf die einzelnen Reiseziele der Region ein, welche er in sieben Kapitel unterteilt, die er topographisch betitelt. Jedes Kapitel beinhaltet die klassischen Tipps zu Lage (stets per Kartenhilfe!) Unterkunft, Gastronomie, Literatur und lokalen Adressen, aber auch Anekdoten, Eigenarten und Geschichten zur Region. Folglich ist eines sicher: Wer in das wilde Herz der Haute Provence aufbricht, ist bestimmt gut beraten, diesen Reiseführer als Pulsmesser ins Gepäck zu fügen.

     © Dominik Ruisinger