REISEFÜHRER GOLF VON NEAPEL
Rezensent: Dominik Ruisinger
Das Buch: Golf von Neapel: Michael Machatschek, Michael Müller Verlag, 2. Auflage, Erlangen 2002, 400 Seiten mit 203 Fotos, 18 Karten, Preis: 17,90€, ISBN 3-932410-24-6
Die Bestellung: Interesse am Buch? HIER können Sie es direkt und einfach online bestellen.
Der Golf von Neapel zieht nicht erst seit unserer Zeit Urlauber in seinen Bann. Bereits im 18. und 19. Jahrhundert vergnügten sich hier Gelehrte und Künstler aus allen Teilen der Welt an traumhaften Küsten, in feinem Sandstrand und in kristallklarem Wasser, in bizarren Vulkanlandschaften oder in Thermalbädern. Viele berichteten über ihre Erfahrungen und Erlebnisse - in Form von Erzählungen, Romanen, Reiseberichten – und lieferten damit die ersten Reiseführer über die Region.
Der Besucherstrom hat bis heute nicht abgeebbt. Gründe dafür gibt es genügende: Ein lebender Vesuv, die Totenstadt Pompeji, die Jetset-Insel Capri, die Heilzentren von Ischia oder die elegante Amalfi-Küste sind Namen, die Emotionen wecken. Und dazu Neapel, Ex-Camorra-Zentrale und heute die wohl temperamentvollste Metropole im Süden Italiens. So nennt sie wenigstens Michael Machatschek, Autor der 2. Auflage des Reiseführers 'Golf von Neapel' und geht recht in dieser Aussage.
Ausführlich widmet er sich zu Anfang der 3000jährigen Geschichte, mythischen (Vulkan-)Landschaften sowie den kunsthistorischen Epochen inkl. der noch heute sichtbaren Sightseeing-Zeugnisse. Machatschek schreibt prägnant, informativ, klar strukturiert, sodass jede der 30 Seiten lesenswert ist.
Dünn beim Stadtspaziergang
Vorsichtig betritt der Autor daraufhin die Stadt Neapel. Kenntnis- und umfangreich beschreibt er Kirchen und Museen, erzählt Geschichten von der Pizza und dem bösen Blick ("Malocchio"), spricht vom Aberglauben und von Kartenlegern, von Sagen und Figuren, Puppen und Krippenmachern. Dem Thema Shopping räumt er dagegen nur wenig Platz ein. Weder die bekannte Shopping-Meile Via Chiaia noch das elegante Viertel Vomero mit seinen zahlreichen Geschäften werden hier näher erwähnt. Kein Wunder, dass Machatschek feststellt, dass Neapel kein Einkaufsparadies sei – was angesichts eines breiten Angebots und günstiger Preisen insbesondere bei Designer-Waren kaum der Wahrheit entspricht.
Man muss nicht immer Machatscheks Einstellungen und Meinungen teilen. Sein Vergleich zwischen den Machenschaften von Berlusconi und dem österreichischen Rechtspopulisten Jörg Haider ist mehr als gewagt, die Häufung von Superlativen quer durch das Buch stört. Auch seine "Mucksmäuschenstille", die in Neapels Altstadt mit Einbruch der Dunkelheit herrschen soll, muss schon viele Jahre zurückliegen.
Jedoch was wirklich am Neapel-Kapitel stört, ist die Leblosigkeit seiner Worte. Das Buch hat klare Stärken im historischen Abriss, in den detaillierten Beschreibungen von Kirchen, Museen. In diesen Passagen erinnert das Buch an einen Dumont-Kunstführer. Wissenswert auch die Ausflüge in die Vesuv-Dörfer und Ruinenstädte von Pompeji und Herculaneum. Doch wo sind die Informationen zu einer Stadt, die 24 Stunden pulsiert? Wo sind die Details, die ein wirkliches Gefühl für das Leben (und Sterben) in Neapel vermitteln, für ihr Tempo, die Menschen, ihr Leben und ihr Temperament?
Der Autor scheint die Metropole mehr als Ort historischer Stätten und vor allem als Sprungbrett zu den Inseln und in die direkte Umgebung zu sehen. Sicherlich war dies – wie der Autor selbst schreibt – einst wirklich so. Der sichtbare Aufschwung in der Stadt hat daran jedoch einiges geändert. Selbst der Autor lobt diese temperamentvolle Metropole. Davon ist in seinen Zeilen wenig zu lesen. Schade.
Stark in der Umgebung
Wenn Machatschek die Stadt verlässt, ändert sich sein Ton. Kaum auf den Inseln und im Umland angekommen, bekommen seine Zeilen Farbe, die Stimmung wird intensiver, die Beschreibung der Touren genauer, die Tipps reicher, die Wege anschaulicher, die Erzählungen persönlicher. Die Reise beginnt zu leben. Der Autor reist auf die – deutsch dominierte – Kurinsel Ischia mit ihren Thermalbädern und Heilquellen, besucht die kleine, authentisch gebliebene Fischerinsel Prócida und das mondäne Capri – wie viele vor ihm.
Machatschek empfiehlt Geheimtipps, schildert die besten Wege, hilft Wanderern mit exakten Beschreibungen, an welcher Gabelung sie wohin gehen müssen, um den besten Weg auch ohne Schilder zu erreichen, liefert Entfernungsangaben und Wanderzeiten. Es fehlen weder touristische Klassiker wie Heilbäder-Informationen oder der Ausflug zur berühmten Blauen Grotte noch die individuellen Tipps wie eine ausgedehnte Wanderung über den Monte Solaro. Dieselbe Detailtreue auch bei der anschließenden Reise die Zitrusküste entlang - von Neapel nach Sorrent. Weder die Perlen der wundervollen, spektakulär abfallenden Küste, die edlen Ferienorte Positano und Amalfi, wo selbst Bundeskanzler Schröder 1999 seinen Urlaub verbrachte, noch der Nationalpark als bislang wenig entdecktes Kleinod fehlen hier.
Kurzfazit
Der "Golf von Neapel" ist ein richtig guter Führer für die Umgebung des Golfes, für Exkursionen auf die Inseln, ins Hinterland, die Küste entlang. Für die Metropole Neapel selbst kann ich dieses Buch hingegen nur als Hintergrundlektüre empfehlen.
Weitere Themen zum Golf von Neapel bei @text:
- Reportage: Aufbruch in Neapel
- Reportage: Prócida – die Insel der 1000 Farben