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REISEFÜHRER ENGLAND
Rezensent: Sven Holly Nullmeyer

Das Buch: England: Ralf Nestmeyer, Michael Müller Verlag, 4. Auflage, Erlangen 2002, 576 Seiten mit 131 s/w-Fotos, 48 Karten und Plänen, Preis: 20,90€, ISBN 3-923278-23-3DIE

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Wer bei England zuallererst an Monarchie, Popmusik, Linksverkehr und den 5-Uhr-Tee denkt - der liegt zwar sicher richtig, übersieht aber einen großen Teil der facettenreichen Kultur des Inselvolkes. Von dem heute besonders bei New-Age-Ravern beliebten geheimnisvollen Sonnenheiligtum Stonehenge über prächtige Stadthäuser und öffentliche Gebäude im georgianischen Stil - ein Hinweis darauf, dass das Bürgertum in England um einiges früher eine herausragende Rolle einnahm als im Rest Europas - bis zu den eher lieblosen Nachkriegsbauten im Stil der heute als 'New Barbarism' bekannten Architektur gibt es für Geschichts- und Kulturinteressierte viel zu entdecken. Auch der Erholungssuchende kommt, beispielsweise an den sonnenverwöhnten Stränden Südenglands, auf seine Kosten. Ralf Nestmeyers Reiseführer gibt praktische Tipps und leitet den geneigten Touristen zu den sehenswertesten Orten der Insel.

Ab ins Land der Baubemalten
Wie bei Veröffentlichungen des Michael-Müller-Verlages nicht anders zu erwarten, ist der Band sorgfältig recherchiert. An den obligaten Abriss der Geschichte Englands schließt sich eine kurze Vorstellung des politischen Systems sowie ein kleiner, in Epochen unterteilter Architekturführer an. Unter dem Motto 'Geschichten am Rande' runden kleine Histörchen und Anekdoten den Reiseführer ab - darunter zum Beispiel Cäsars Zitat aus 'Der Gallische Krieg': 'Alle Britannier bemalen sich mit Waid, der eine blaue Farbe erzeugt und ihren Anblick im Kampf um so schrecklicher macht.' Und auch ein Zitat von einem deutschen Englandreisenden fehlt nicht. Heinrich Heine, der die Weltmetropole London 1828 besuchte, schrieb: 'Ich habe das merkwürdigste gesehen, was die Welt dem staunenden Geiste zeigen kann ... noch immer starrt in meinem Gedächtnisse dieser steinerne Wald von Häusern und dazwischen der drängende Strom lebendiger Menschengesichter mit all ihrer bunten Leidenschaft ...' - eine Beschreibung Londons, die noch immer eine gewisse Gültigkeit hat.

Nur am Rande: Die deutsche Metropole Berlin legte sich nur 70 Jahre nach Heines Zitat den Beinamen 'die steinerne Stadt'. Damals setzten die Machthaber des frisch vereinten Kaiserreichs alles daran, London mit ihrer neuen Hauptstadt den Rang als fortschrittlichste Stadt Europas abzulösen. Allerdings musste der Berliner Journalist Alfred Kerr bei seinem Londonbesuch Ende des 19. Jahrhunderts, trotz des damals heftig in den deutschen Köpfen wütenden Hauptstadtrausches, als Mensch mit offenen Augen den relativen Provinzialismus der deutschen Hauptstadt zugeben. Wie der Vergleich heute ausfällt - das darf und sollte in den Zeiten des Massentourismus jeder für sich selbst entscheiden.

Nestmeyer hat der Hauptstadt London in seinem Buch einen zwar prominenten, den Rest Englands aber nicht überschattenden Platz eingeräumt. Und das ist gut so. Denn gerade Informationen über die international unbekannteren Gegenden Englands, nach Devon oder durch den Lake District im Nordwesten - wo sich in Ulverston, der Heimatstadt Stan Laurels, ein Laurel & Hardy-Museum verbirgt - sind für den Reisenden von Interesse. Und Nestmeyer listet alles auf, was er nur finden kann - akribisch, manchmal etwas trocken, aber immer ausführlich und verlässlich. Seltsam mutet nur an, dass er den Landstrich Derbyshire - eine hügelige, sehr grüne und ländliche Gegend, die besonders für Radfahrer seine Reize hat und in ihrer Hauptstadt Derby eine ansehnliche Kathedrale aufweisen kann - fast gänzlich unterschlägt.

FAZIT
Mit Nestmeyers England-Reiseführer hat der Michael-Müller-Verlag einen praktischen und ausführlichen Reisebegleiter für alle Englandreisenden im Angebot. Der manchmal etwas trockene Stil wird durch die fundierten und sachlichen Informationen ausgeglichen, die einem Reiseführer ohnehin immer gut zu Gesichte stehen. Als Begleiter für den ersten oder vielleicht nächsten Englandbesuch ist der Band also durchaus zu gebrauchen.

Nur eine Bemerkung für Rundreisende: Wales und Schottland gehören nicht zu England - für diese Teile Britanniens bietet der Verlag gesonderte Bände an.

     © Dominik Ruisinger