REISEFÜHRER BERLIN
Rezensent: Dominik Ruisinger
Das Buch: Berlin & Umgebung: Gudrun Maurer, Michael Müller Verlag, 7. Auflage, Erlangen 2001, 520 Seiten mit 140 Fotos, 32 Übersichtskarten und Pläne, Preis: 31,10 DM (15,90 EURO), ISBN 3-923278-85-3
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"Berlin ist immer eine Reise wert", sagt ein Sprichwort. Und die Stadt hat viele Gesichter und Facetten, die sich kontinuierlich im Wandel befinden. Grund genug für den Michael Müller Verlag, die 7. Auflage des Reiseführers Berlin & Umgebung herauszubringen. Und Autorin Gudrun Maurer hat eine Menge an neuen Informationen und Adressen zusammengetragen. Dabei soll, so schreibt sie, dieses Buch "beim Entdecken der Facetten der Hauptstadt, die nach Ansicht vieler die einzige richtige Großstadt Deutschlands ist", behilflich sein. Dazu hat Maurer ihren Schwerpunkt auf die neue alte Mitte von Berlin gelegt, ohne jedoch die unbekannten Facetten der Stadt an der Spree zu vernachlässigen.
NÜTZLICHE BASICS
Zu Anfang des Buches widmet sich Maurer den Basics der Großstadt: Ausführliche Informationen zu Bibliotheken und Büchereien, nützliche Infos für Neuberliner - von der Anmeldung über die Wohnungssuche bis zur Privatzimmervermittlung, detaillierte Verkehrsinfo - von Schiffsanlegestellen bis zu Fahrradvermietungen. Gut auch die Hinweise auf spezielle Stadtpläne, um auf den Spuren von Künstlern und Literaten durch die Straßen zu streifen, etwas übertrieben dagegen die Warnung vor dem Autofahren in der Stadt, ist in Berlin doch die Verkehrssituation nicht schlimmer als in jeder anderen größeren deutschen Stadt. Und ihr Ausspruch "Parkdellen sind an der Tagesordnung" (S.34) lässt sich eher auf Großstädte wie Rom, Athen oder Paris beziehen, denn auf Berlin.
Sehr ausführlich und für jeden Geldbeutel auch die Hotelauswahl. Bei Maurer findet jeder seinen Schlafraum - vom 5-Sterne-Hotel bis zum 6-Bett-Schlafsaal. Auch ihr Shoppingangebot ist enorm und für jeden Geschmack etwas dabei: Von Märkten zu Shopping-Malls, von Spezialgeschäften zu Antiquariaten, vom Kunsthandwerk zu Cannabis. Viel Platz widmet sie der weiten Kulturlandschaft Berlins. Vor allem ihre detaillierten Museums- und Theaterbeschreibungen sind hilfreiche Charakterisierungen im unübersichtlichen Kulturdschungel.
Was Restaurants und das Nachtleben betrifft - nun - es ist immer schwierig eine Auswahl - gerade in einer Stadt mit einem derartigen Überangebot - zu treffen. Generell hat Gudrun Maurer eine gute Auswahl getroffen. Sie führt eine Unzahl von Lokalen, Bars und Clubs auf, mit Beschreibungen, die durchweg zutreffend sind - was in Reiseführern selten vorkommt. Ihr Angebot reicht von der internationalen über die regionale deutsche Küche, vom Stehimbiss bis zum Mittagstisch, vom Edel-Schuppen bis zur Kellerbar. So weit, so gut.
SCHWÄCHEN IM DETAIL
"Wegen des raschen Wandels in der Szene ein Rat: Vergewissern Sie sich in einem der Stadtmagazine, ob es die Disko/den Club noch gibt." Ein wirklich guter Tipp. Denn der rasche Wandel erfasst die Stadt täglich wie nächtlich. Doch sitzt hier wie so oft das Problem im Detail. So haben sich in diesem Führer gerade im Bezug auf Aktualität viele kleine Fehler eingeschlichen. Beispiele: Das Restaurant Marseille und die Cantina da Muntagnola gibt es schon seit mindestens 1998 nicht mehr, das Schwarzauer heißt - trotz zweifacher Erwähnung - in Wirklichkeit Schwarzsauer, der Pariser Platz befindet sich in Mitte, in Wilmersdorf dagegen die Pariser Straße, das Schöneberger Fischlabor wird auch die genauste Beschreibung nicht zurückholen, da es schon vor rund fünf Jahren seinem etwas steifen Nachfolger Village gewichen ist, und auch das Boudoir in Mitte hat sich schon seit mehreren Jahren aus dem Berliner Nachtleben zurückgezogen. Stattdessen fehlen u.a. mit dem japanischen Restaurant Kuchi (Charlottenburg) und dem Frühstückscafé Montevideo (Schöneberg) einige der wichtigsten Instanzen in Berlin. Und warum unter Szenezeitschriften das wichtigste Heft 'Flyer' nicht aufgeführt ist, bleibt ihr Geheimnis.
KENNTNISREICHE SPAZIERGÄNGE
Ist der umfangreiche Infobereich abgehakt, begibt sich Maurer auf 31 Rundgänge sowie 10 Touren mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Und diese sind gut gewählt, sodass sie auch Kennern der Stadt noch viel neues bieten. Maurer widmet sich ausführlich der Geschichte, ohne die politischen Zusammenhänge zu vergessen, räumt den Touristenmagnaten und Postkartenmotiven, den Regierungs- und Botschaftervierteln ebenso Raum ein wie ehemaligen Arbeiter- und Industrievierteln und dem Blick hinter die Fassaden, um auch dem Geheimnis der Anziehungskraft Berlins näher zu kommen. Auf ihren Rundgängen streift sie durch Parks und kleine Gassen, führt durch belebte Passagen und einsame Ecken, stoppt in Galerien und Hinterhöfen, erzählt kenntnisreich die Geschichte der Berliner Bauten, streift über Friedhöfe und zitiert Persönlichkeiten der Berliner Geschichte. Sie erinnert an Bauskandale und Volksaufstände oder bespricht neu entstandene Gebäudekomplexe, auch wenn bei der Geschwindigkeit des Berliner Wandels viele News schon wieder alt sind.
Informativ sind auch die kurzen knappen Einschübe mit Tipps für ein preisgünstiges Mahl, zur Geschichte der Gebäude, zu Berliner Legenden oder ihre praktischen Literaturtipps. Die letzten 100 Seiten widmet die Autorin dann dem Grünen Berlin, ungewöhnlichen wie spannenden Touren durch die Berliner Industrie-Geschichte (!) und Ausflügen ins Berliner Umland. All dies beschreibt sie auf eine sehr kenntnisreiche Art mit einem Reichtum an zahlreichen Details. Dabei versucht sie auch das Charakteristische jedes einzelnen Berliner Bezirkes herauszustellen, was ihr jedoch nicht immer ganz gelingt.
KURZFAZIT
Abgesehen von den oben beschriebenen Fehlerchen wäre Berlin & Umgebung von Gudrun Maurer ein perfekter Führer, wenn ihre doch etwas langsame, brave Schreibe doch etwas mehr von der hier oftmals heraufbeschworenen und beschriebenen Dynamik, vom Puls der Stadt, übernehmen würde. Doch das ist wiederum Geschmacksache.
Reportagen und Berichte zu Berlin: