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KOMMUNIKATION À LA ITALIANA
Liebe oder Traum? Eine Kurzgeschichte.

12 Stunden saß ich nun bereits im Zug, seitdem ich mich von Berlin aus in Richtung Toskana auf den Weg gemacht hatte. Die winterliche Kälte machte mir zu schaffen. Die Heizung war schon seit München ausgefallen, die Fenster mit Reif bedeckt, der Körper durchgefroren. Von einem erwärmenden Drink konnte ich im Moment nur träumen, hatte ich doch in der Hektik vor der Abfahrt völlig vergessen, noch Geld zu tauschen. Immerhin hatte ich eine nagelneue Visa-Karte dabei. Die würde mir helfen, da war ich mir ganz sicher. Bei dem Gedanken, wie gemacht diese Situation doch für einen Werbespot wäre, wenn sie im Zug Kreditkarten annehmen würden, musste ich lächeln. Doch das taten sie nicht, wie ich schon gemerkt hatte. Zumindest in Italien.

Als wir bei Livorno das Meer erreichten, stieg die Temperatur allmählich wieder an. Langsam fing die Fahrt an, mir Spaß zu machen. Ich lehnte mich zurück, blickte zum Fenster hinaus und sah die Landschaft draußen vorbeifliegen. Unter dem azurblauen Himmel wechselten sich kleinere Dörfer mit Pinienwäldern ab. Immer wieder tauchten vor dem Fenster Kühe und Schafsherden auf, die auf den verdorrten Wiesen weideten - im nächsten Moment waren sie dem Blick auch schon wieder entschwunden. Das gleichmäßige Rattern des Zuges machte mich etwas schläfrig. Immer stärker fühlte ich in mir die Anspannung hochsteigen, die Aufregung vor dem nächsten Treffen mit Claudia.

Vor knapp einem Monat hatten wir uns in einer kleinen Bar in Berlin kennen gelernt. Eine zarte Erscheinung mit ihren stechend schwarzen Augen, ihrer zierlichen Figur, ein Traum von einer Frau. Leider war sie bereits wenige Tag später nach Italien zurückgereist. An den tränenreichen Abschied konnte ich mich noch immer bis ins kleinste Detail erinnern. In den folgenden Tagen war sie mir einfach nicht aus dem Kopf gegangen. Schließlich fasste ich den Entschluss, sie zu besuchen. Dass mein Chef die Idee weit weniger faszinierend fand als ich, war klar gewesen. Dies spielte aber für mich keine Rolle. Als ich ihr die Nachricht am Telefon überbrachte, schien sie sich unglaublich zu freuen. Sie hatte versprochen, mich vom Bahnhof abzuholen, wohnte sie doch etwas außerhalb von Castiglione, einer kleinen Dorf in der Toskana, direkt am Meer.

Doch aus einem Grund, den ich nicht näher beschreiben konnte, war ich mir kurz vor der Abfahrt nicht mehr so sicher gewesen. Hatte ich wirklich die richtige Entscheidung getroffen? Jetzt war es auf jeden Fall zu spät. Es waren schon fast banale Fragen, die mir in diesem Moment durch den Kopf schossen. Wie sollte es mit der Verständigung klappen? Immerhin sprachen wir beide einigermaßen Schulenglisch, was für den Anfang ausgereicht hatte. Aber für den nächsten Schritt. Und italienisch? Mehr als "si" und "no" kamen mir nicht über die Lippen. Für Sprachen war ich noch nie besonders begabt gewesen. In der Schule hatte ich immer den perfekten Nachbarn gehabt. Für meine Noten war das super gewesen, für die Sprache weniger.

Eine monotone Stimme quäkte aus dem Lautsprecher. Nur den Namen Castiglione konnte ich aufschnappen. Sicherlich "nächste Station Castiglione". Ich erhob mich von meinem feucht-warmen Sitz, wuchtete meine Tasche aus dem Gepäckfach, warf die Jeansjacke über die Schulter und begab mich zum Ausgang. Auf dem Gang war ich allein. Ich schien der einzige Passagier zu sein, der hier ausstieg. Inzwischen war es draußen bereits dunkel geworden.

Als ich auf den Bahnsteig trat, fühlte ich den recht milden Januarwind, der mir um die Nase wehte. In der Ferne rauschte das Meer. Tief atmete ich ein und aus, ein und wieder aus. Diesen Moment hatte ich schon lange ersehnt, die Müdigkeit war weggefegt. "Das sind also Ferien", murmelte ich glücklich, fast etwas ungläubig in mich hinein. Ich konnte mich nicht erinnern, wann ich diesen Moment einmal erlebt hatte. Zu lange lag der letzte Urlaub zurück. Ehrlich gesagt konnte ich mich daran überhaupt nicht mehr erinnern. Aber im Moment war mir dies ziemlich egal.

Suchend blickte ich mich nach Claudia um. Nichts zu sehen. Dabei wäre sie leicht zu entdecken gewesen: Der Bahnsteig war menschenleer. Was für eine gespenstische Atmosphäre, schoss mir durch den Kopf. Wie in diesem Film 'La Stazione', den ich vor vielen Jahren mal gesehen hatte. Die Bahnhofsuhr zeigte kurz nach 23 Uhr. Vielleicht hatte sie sich nur etwas verspätet. Ich schlenderte den Bahnsteig entlang. Ein kurzer Blick in den Aufenthaltsraum: gähnende Leere kam mir entgegen.

Gemächlichen Schrittes verließ ich durch den Haupteingang das Bahnhofsgebäude und trat auf die Straße hinaus. Ausgestorben war dieser Ort, keine Menschenseele weit und breit. Unter einer flackernden Straßenlaterne parkten drei verbeulte Autos. Doch das war auch schon alles. Ich setzte mich auf die Treppenstufen, holte ein Päckchen Zigaretten heraus und zündete mir eine an. Dem ersten Zug folgte sofort ein Hustenanfall. "Hab' heute wieder viel zu viel geraucht", fluchte ich keuchend, als ich die leere Schachtel betrachtete. "Aber es sind ja Ferien". Ich zerknüllte sie und warf sie über die Schulter. Wenn ich zurückkäme, würde ich aufhören. Mal sehen.

Allmählich begann ich mich zu wundern, dass Claudia nicht auftauchte. Ich holte ein winziges Notizbuch aus der Jackentasche hervor, blickte mich kurz um und entdeckte eine Telefonzelle, direkt neben dem Bahnhofseingang. Ein kurzer Blick hinein: Eine Telefonzelle ohne Telefon, was für ein trauriger Anblick. 30 Meter entfernt der nächste Versuch. Diesmal hatte ich mehr Glück. Ich trat hinein und nahm den Hörer ab. Hastig zog ich noch einmal an der Zigarette und schnippte den Stummel zur Zellentür hinaus. Kurz verfluchte ich mich noch, warum ich vor ein paar Tagen mein neues Handy unbedingt hatte in der U-Bahn liegen lasen musste. Typisch für solche Momente. Immerhin hatte ich noch eine alte Telefonkarte vom letzten Urlaub. Ich steckte diese also in den Schlitz und wählte. Es läutete. Einmal, zweimal, dreimal. Langsam wurde ich ungeduldig. Bei allen bisherigen Telefonaten von Berlin aus war sie selbst immer sofort an der Strippe gewesen. Plötzlich meldete sich eine älter klingende Frauenstimme. Es war nicht Claudia. Meiner Frage nach ihr folgte ein Wortschall, der mich fast erschlug. Hastig legte ich den Hörer entnervt wieder auf.

Leicht frustriert setzte ich mich vor die Telefonzelle auf meinen Koffer, holte ein neues Zigarettenpäckchen aus der Jackentasche und zündete die nächste an. "Was nun", fragte ich mich. Zwar hatte ich ihre Adresse. Doch wie sollte ich dorthin kommen? Vielleicht per Taxi? Im selben Moment verwarf ich die Idee auch schon wieder. Wie sollte ich in dieser gottverlassenen Gegend um diese Zeit ein Taxi bekommen? Geld hatte ich keines, mit der Visa-Karte war hier nichts anzufangen, und Claudia schien auch nicht zu Hause zu sein. Ob sie meine Ankunft wohl vergessen hatte oder mich vielleicht doch nicht sehen wollte? Aber ich hatte doch gestern Nacht noch mit ihr telefoniert. Dann hätte sie es mir doch gesagt?

Wenn ich jetzt an das Gespräch zurückdachte, so hatte sie schon irgendwie reserviert geklungen. Vielleicht bildete ich dies mir auch ein. Kaum musste ich mal ein paar Minuten warten, begann ich schon an ihr und an uns zu zweifeln. Was für ein Beginn einer romantischen Liebesgeschichte! Missmutig warf ich einen Blick auf meine Armbanduhr. Sie zeigte exakt 12 Uhr. "Mitternacht", sagte ich laut zu mir selbst, "und jetzt?"

Die Situation kam mir so absurd vor, dass ich lachen musste. Kein Geld, nichts zu essen und zu trinken, keine Ahnung, wie es weitergehen sollte, was für ein Urlaubsbeginn, einfach umwerfend. Es fing an, hier draußen immer kühler zu werden. Ich warf mir die Tasche über die Schulter und betraf wieder die Bahnhofshalle. Mal sehen, wann eigentlich der nächste Zug wieder in Richtung Deutschland zurückfährt, dachte ich mit einem Anflug von Sarkasmus. Mit dem Zeigefinger ging ich den Abfahrtsplan durch. '8.50 Uhr, Richtung München über Verona".

Im selben Moment tippte mir jemand auf die Schultern. Ich fuhr zusammen und drehte mich um. Ein uniformierter Bahnhofsbeamter stand vor mir. Auf seine Worte zuckte ich nur mit den Schultern. Ich hatte nichts verstanden. Jetzt war ich an der Reihe. "Do you speak English oder deutsch?" Diesmal ein lächelndes Kopfschütteln auf der anderen Seite. Ich musste angesichts dieser Situation schmunzeln. Man steht sich mitten in Italien gegenüber, in einer absolut gottverlassenen Gegend, mitten in der Nacht, kann sich nicht verständigen und lächelt sich immerfort nur an. "Schon seltsam", sagte ich mehr zu mir selbst und bot meinem neuen Freund eine Zigarette an, die er sich dankend in den Mund schob. "Grazie". Diesmal hatte ich es sogar verstanden. Als nächstes versuchte ich ihm mit Händen klarzumachen, dass ich hier auf jemand wartete. Er nickte freundlich. Ob er es wirklich verstanden hatte, wusste ich nicht. Es war mir auch egal. Immerhin fühlte ich mich mit einem Schlag deutlich besser. Nicht mehr allein, immerhin zu zweit, wenn auch ohne Möglichkeit, miteinander wirklich zu kommunizieren.

Plötzlich fühlte ich einen Klapps auf meiner Schulter. Ich fuhr hoch und blickte in die dunkel blitzenden Augen eines älteren Mannes mit dunkelblauer Schirmmütze. "Billete, per favore, signore". Der Schaffner schien ungeduldig zu sein. Ich kramte einen zerknitterten Fahrschein aus der Jackentasche und drückte sie dem Kontrolleur in die Hand. Erst langsam begann ich die Situation zu begreifen. Ich war also eingenickt, der Rest nichts als ein schlechter Traum. Erleichtert hätte ich ihn am liebsten umarmt. Doch das hätte er so oder so nicht verstanden. Stattdessen erhob ich mich, blickte kurz auf meine Armbanduhr und ging auf den Gang.

Draußen begann es zu dämmern. Es war kurz vor 19 Uhr. Noch fehlte eine Stunde bis Castiglione. Ob Claudia mich wirklich am Bahnsteig erwartete? Ganz ruhig steckte ich mir eine Zigarette in den Mund und warf das leere Paket aus dem Fenster.


FIN

     © Dominik Ruisinger