@text Netzwerk

Leistungen

D. Ruisinger

Artikelpool

Referenzen

Einblick

Dozent + Coach

Fachautor

Reisejournalist

Links

Literaturtipps

PR Beratung

Sitemap

Impressum

Anfrage

Profil
Arbeit
Angebot
Service
Kontakt

 


Google-Suche im Web


"ICH BIN WIRKLICH EIN ALTER VERRÜCKTER"

"Freiheit bedeutet für mich genau das zu machen, auf was ich Lust habe, wann ich es will und auch wo ich es will", sagt der Pariser Clochard und Theatermacher Casquette. Ein Gespräch.

Im Herbst 1992 gründete der Pariser Clochard Casquette alias André Alexandre de Beaufremont das "Théâtre des Abysses". Dieses winzige "Theater der Abgründe" liegt auf der Ile St. Louis, versteckt unter einer der Seine-Brücken in einem ehemaligen Lager. Ein schmaler Mauerschlitz bildet den einzigen Eingang. Casquette selbst ist Mitte 40. Sein Markenzeichen und auch Namengeber ist eine schwarze Schirmmütze, die er immer über seine Haarmähne stülpt. Den traurigen, etwas Blut unterlaufenen Augen ist anzusehen, dass die letzten Jahre an ihm nicht spurlos vorbeigegangen sind. Fast jeden Abend führt er in seinem Theater eigene Stücke vor oder liest Victor Hugo. Ende 1993 sprach ich zum ersten Mal mit ihm.

Casquette, erzähl' mir ein wenig davon, wie Dir die Idee mit dem Theater gekommen ist, was Du zuvor gemacht hast, und wie alles begonnen hat?

Früher hatte ich ein Export-Import-Unternehmen. Ich war verheiratet und hatte einen Sohn und eine Tochter im Alter von 7 und 6 Jahren. Ich besaß ein Haus und Grundbesitz auf dem Land mit Ponys für die Kinder. Ich führte ein geregeltes Leben. Es lief alles wirklich gut bis zu dem Tag, an dem meine ganze Familie bei einem Autounfall in Paris ums Leben kam. Von diesem Moment an habe ich es bei mir zu Hause nicht mehr ausgehalten. Wenn Du durch die Zimmer streifst und den Schrank öffnest, siehst Du die Kleider Deiner Frau, die nicht mehr existiert. Du trittst ins Bad, wo die Morgenmäntel der Kleinen hängen oder in ihre Zimmer, wo überall auf dem Boden verstreut Spielsachen herumlagen. Damals bin ich völlig zusammengebrochen, schlief nicht mehr bei mir zu Hause, sondern immer irgendwo anders. Von einem Tag auf den anderen habe ich dann alles verkauft und bin kreuz und quer durch die Welt gereist.

Also eine Art Flucht?

Ich weiß nicht. Vielleicht war es eine Art Flucht - vielleicht. Ich bin in die USA, nach Afrika und Australien, Indien und überallhin gereist. Als ich nach Paris zurückkam, hatte ich kein Geld mehr. Also schlief ich unter Bäumen und schrieb den ganzen Tag über an meinen Stücken auf einer alten Schreibmaschine.

Und über was hast Du geschrieben?

Ich hatte Lust, alles, was sich in meinem Innern abspielte, auszukotzen. Am Anfang dachte ich, dass es nicht möglich sei. Doch ich musste es regelrecht tun. Ich schrieb also zwei oder drei Stunden bis ich völlig k.o. war. Manchmal schrie ich, weil meine Finger nicht schnell genug schreiben wollten. Ich tippte wie ein Verrückter, hatte aber den Eindruck, dass sich meine Worte auf dem Papier nur mühsam dahinschleppten. Auch wenn ich danach müde und erschöpft war, fühlte ich mich so richtig gut.

Wie hast Du eigentlich diesen Ort hier gefunden, wo sich heute Dein Theater befindet?

Durch die Müllmänner. Eines Tages klopften sie an die Tür meines Unter-schlupfes und riefen "Polizei!". Ich habe gedacht: Scheiße, schon wieder die Bullen. Also habe ich meine Schreibmaschine zur Seite gestellt und bin rausgekommen, um mich um sie zu kümmern. Dass die Müllmänner mit mir nur einen Scherz machen wollten, fand ich weniger lustig. Auf jeden Fall sagten sie mir, dass sich hinter der Brücke auf der einen Seite eine Gitterstange befände. Wenn man es schaffen würde, sie abzusägen, wäre es möglich, eine Eisenplatte zur Seite zu schieben und in einen ehemaligen Lagerraum zu gelangen, wo ich auch schlafen könnte. Also zersägte ich zusammen mit Freunden die Gitterstange, schob die Platte weg und kroch hinein. Drei Stunden blieb ich erst einmal in meinem Theater. "Du bist mein Theater, Du wirst mein Theater sein", habe ich immer wieder gesagt. Danach habe ich für die Premiere Tücher und Decken zusammengesucht, um das Theater zurechtzumachen. Auf diese Weise ist das Theater von einem auf den anderen Tag meins geworden.

Woher hast Du eigentlich all diese Dinge, die sich jetzt im Theater befinden? Zum Beispiel die kleine Figur in der Ecke, die die Vorstellung mit der brennenden Kerze in der Hand beobachtet?

Ich bin ohne Geld, mit nichts in den Händen losgezogen, um alles zusammen zu suchen. Um den Wandbehang aufzuhängen, die Kerzen zu bekommen, um die Stücke vorzubereiten und zu inszenieren. Ich habe wirklich gearbeitet wie ein Verrückter, wie ein Schwein. Du kannst die anderen fragen. Das Unangenehme daran war, dass es zu dieser Zeit bereits sehr kalt war. Die Blätter fielen herab, und wir hatten fast nichts zu essen. Die Eiszapfen hingen von den Wänden meines Theaters - so kalt war es da drinnen. Und ich saß dort, tief in meine Decke gehüllt. Damals habe ich ungefähr 20 Kilo abgenommen.

Hat Dir jemand während dieser Zeit geholfen, dieses kleine Theater aufzubauen? Oder hast Du alles selbst gemacht?

Niemals habe ich von jemandem Geld oder Hilfe erhalten. Nichts. Ich habe es allein durchgezogen. Das Theater war meine Bühne. Also arbeitete ich den ganzen Tag über, machte Werbung, um Leute in mein Theater zu locken. Am Abend der Premiere hatte ich 350 Zuschauer. Es waren vor allem Leute, die ich kannte und die sagten: "Salut, ich habe gehört, Du spielst heute Dein Stück". Später hat es sich weiter herumgesprochen, es ging immer so weiter und nun - das ist das Ergebnis.

Was bedeuten Dir selbst heute Deine Vorstellungen?

Für mich besteht eine Vorstellung nicht einzig und allein darin, dass ich spiele. Ich will nicht, dass ein Stück hier nur aus einem kurzen Moment besteht, zu dem Du herkommst und wie ein Idiot in Deinem Sessel klebst und danach wieder nach Hause gehst. Das ist nicht das, was ich will.

Du willst also, dass Dein Theater ein Ort ist, wo sich die Leute treffen, nicht nur zur Theatervorführung, sondern auch um sich dabei ein wenig besser kennen zu lernen.

Ja, das ist genau das, was ich beabsichtige. Ich hasse es, wenn Theater etwas Anonymes bleibt. Jeder soll daran teilnehmen. Ich bin glücklich, Menschen zu sehen, die sich auf diese Weise kennen lernen. Mein Schritt kann ein wenig utopisch erscheinen, ein wenig verrückt. Aber in jeder Hinsicht ist das, was ich mache, verrückt. Allein um ein Theater wie dieses hochzuziehen. Aber ich bin glücklich, es gemacht zu haben. Ja, ich bin wirklich ein alter Verrückter.

Und wenn alle dann nachts gegangen sind, wie fühlst Du Dich dann?

Wenn ich mich dann unter meine Decke verkrieche, höre ich noch immer den Beifall, der von den Wänden hallt. Weißt Du, was für eine schöne Belohnung ich einmal erhalten habe? Eines Tages saßen Kinder vor dem Theater. Ich beobachtete, wie die Lehrerin mit ihnen sprach. Einer der kleinen Jungs fragte mich: "Stimmt es, dass Du ein Theater hast?" "Ja, es stimmt", antwortete ich und lud alle in mein Theater ein. Ich half ihnen, durch den Mauerschlitz ins Innere des Theaters zu gelangen und spielte dann nur für sie. Okay, ziemlich sicher haben sie nicht alles verstanden. Aber sie waren so was von glücklich. Und am Ausgang haben sie mir ein tolles Geschenk gemacht. Alle umarmten mich und sagten "vielen Dank, Monsieur". Und ich erwiderte: "Ich bin nicht Monsieur, ich bin Casquette". "Vielen Dank, Monsieur Casquette" war darauf ihre Antwort. Du siehst, solche grandiosen Momente kann man nicht künstlich schaffen. Es sind einfach unglaublich glückliche Augenblicke.

Was willst Du mit Deiner Art von Theater erreichen?

Freundschaft, Liebenswürdigkeit gegenüber anderen, Liebe und Sympathie, das ist das, was ich verbreiten möchte, als Botschaft. Aus diesem Grund will ich immer, dass die Leute miteinander sprechen, sich kennen lernen, bevor das Stück beginnt. Warum soll jeder in seiner Ecke bleiben? Es ist doch so einfach: Warum versucht man nicht, sich gegenseitig ein wenig zur Seite zu stehen, miteinander zu sprechen und dem anderen ein paar Minuten zu widmen.

Woher kennst Du die ganzen Leute, die mit Dir zusammenspielen?

Die habe ich überall kennen gelernt, viele hier direkt am Quai. Es waren vor allem Menschen, die Theater und Musik in den Straßen machten. Eine Komödiantin und Tänzerin von der Theaterschule war auch mal dabei, ein Querflötist und noch viele andere. Ich habe diese Truppe einfach so auf die Beine gestellt. Dann haben wir gespielt, und es hat geklappt. So ist alles entstanden.

Und hat die Zusammenarbeit sofort funktioniert, zum Beispiel mit Eric und seinem Akkordeon, das in Deinen Stücken fast überall eingesetzt wird?

Anfangs war es nicht ganz einfach, weil wir uns noch nicht gut genug kannten. Wir mussten Schritt für Schritt lernen, uns aufeinander einzustellen und uns auch gegenseitig anzupassen. Wenn wir jetzt spielen, dann sind wir in jeder Hinsicht eine fest zusammengefügte Einheit.

Könnte man in diesem Kontext es nicht auch so sehen, dass für Dich das Theater auch eine Art neuer Lebensbeginn war, nach all dem, was zuvor passiert war. Das heißt, dass Dir das Theater auch wieder die Lust am Leben vermittelt hat?

Vielleicht. Ich glaube, das Wichtige für mich aber besteht darin, in der Anonymität der heutigen Gesellschaft einen Ort der Begegnung geschaffen zu haben, für die Menschen von draußen.

Das heißt, nicht nur für Dich selbst, sondern auch für andere?

Ganz genau, denn das ist wichtig. Weißt Du, uns lässt man in der heutigen Gesellschaft einfach so liegen, von einem auf den anderen Moment. Man teilt nichts mit den anderen. Hier ist es anders. Innerhalb dieser Gruppe gibt es ein wirklich starkes Band, ein Zusammengehörigkeitsgefühl. Ich glaube, dass gerade dies heutzutage notwendig ist.

Spielst Du eigentlich immer, wenn Leute vor dem Theater stehen und euch spielen sehen wollen?

Ja, fast jeden Abend. Manchmal sind auch noch andere Leute mit ihren Instrumenten dabei. Das Stück selbst ist nichts statisches, sondern es versucht, sich seiner Umgebung und Stimmung anzupassen - und jeder kann daran teilnehmen. So kommt es, dass es mal schnellere, mal pathetischere, mal fröhlichere Abende gibt. Für mich ist es nur wichtig, die Menschen glücklich zu machen, auch dann, wenn ich nur zwei Zuschauer habe.

Was mich noch interessiert: Du führst ein Theater, das nun bereits bekannt ist unter vielen Menschen, aber auch durch einige Zeitungsreportagen, wie Du mir gesagt hast. Es ist aber - wie soll ich sagen - kein offizielles Theater. Hast Du nie Probleme zum Beispiel mit der Stadt gehabt, dass man hier kein Theater machen dürfe?

Doch, doch. Was mich zum Beispiel immer wieder ankotzt, sind Polizisten, wie die, die einmal gegen 10 Uhr morgens vorbeikamen und Tränengasbomben ins Theater warfen, um zu sehen, ob sich dort jemand befindet. Das finde ich völlig bescheuert.

Wenn ich die viele Polizei hier im Viertel sehe: hast Du die eigentlich schon mal in Dein Theater eingeladen?

Aber ja doch.

Sind sie nicht gekommen?

Doch, doch. Einmal habe ich einer Polizistin gesagt, dass sie doch mal abends zu einer Vorstellung vorbeischauen solle. Sie aber hatte abgelehnt, weil sie Dienst hatte. Drei Tage später ist sie mit ihrem Typen vorbeigekommen. Sie hat mich gefragt, ob ich sie noch kenne? Ja, habe ich gesagt. Wir haben gelacht und sind mit vielen Leuten hereingegangen und haben gespielt.

Glaubst Du, dass es ihnen gefallen hat?

Ich glaube schon. Aber auch sonst sind schon sonderbare Dinge passiert. Zum Beispiel ist die Polizei während der Dreharbeiten mit der ARD gekommen. Auf das Verlangen der Polizei nach Ausweisen, hat jeder seine Pressekarte herausgezogen. Daraufhin sind sie für dieses Mal abgezogen. Nun kennen sie mich und mein Theater bereits und sagen meistens nichts mehr.

Glaubst Du nicht auch, dass diese Öffentlichkeit Dich schützt?

Auf jeden Fall. Andererseits gibt es Leute, die mir gesagt haben wie gut es sei, dass ich den Quai wieder zum Leben erwecke. Früher gab es hier nichts, die Leute bummelten einfach hier nur so entlang. Jetzt, wo der Quai wieder belebt ist, ist es richtig gemütlich. Musik, viele Menschen, einfach alles, es ist ...

... und das "Théâtre des Abysses".
.
Ja. Wie ich es liebe, mein Theater. Wenn Du hereinkommst - hm - das ist verrückt: Du stehst außerhalb des Lebens, in einer anderen Welt. Und was für eine Freude, für die Menschen zu spielen, die gekommen sind. Glaubst Du, dass ich verrückt bin?

Vielleicht muss man ein bisschen verrückt sein. Versuch' mir mal Deine Gefühle zu beschreiben, wenn Du spielst.

Der Beginn ist wie eine Explosion. In den Kopf hämmerst Du Dir ein: "Du musst gut sein, Du musst unbedingt gut sein." Während Du sprichst, kleben die Menschen gespannt an Deinen Lippen - Du fühlst die Stille, irgendwann weißt Du, ob Du es gut machst oder ob es nicht Dein Abend ist. Egal, Du spielst weiter und weiter. Gerade wenn man zusammen spielt, gibt es Momente, wo es mit einem einzigen Schlag losgeht - Wumm!! Das sind märchenhafte Momente, die unglaublich stark sind. Wenn ich am Ende angelangt bin, setze ich mich auf meine Decke, betrachte die Menschen, obwohl ich eigentlich gleich weiterspielen möchte.

Macht Theater Dich süchtig?

Es ist der glatte Wahnsinn. Ich bin in einem tranceartigen Zustand. Es ist ... ich finde keine Worte dafür.

Was für eine Aufgabe hat Deiner Meinung nach heute noch das Theater?

Das Theater muss die Leute zum träumen anleiten, ihnen etwas geben, nach dem sie unbewusst verlangen. Die Menschen sind so gestresst und voller Probleme...

... dass sie im Theater für einen Moment gewissermaßen die Wirklichkeit vergessen sollen?

Vom Niveau des Zuschauers, ja. Ich möchte, dass er durch mich seine täglichen Probleme vergisst. Er soll seine Probleme und die sonstige Scheiße draußen lassen und einfach nur das Stück aufnehmen. Wenn es mir gelingt, dorthin zu gelangen, bin ich glücklich. Und bis zum heutigen Zeitpunkt, nach mehr als 180 Vorstellungen, glaube ich, dass es mir ein wenig gelungen ist. Selbst wenn es bei jeder Vorstellung nur rund zehn Personen sind, die diese Botschaft verstehen, bin ich glücklich. Das kann völlig verrückt erscheinen. Vielleicht bin ich doch ein alter Verrückter.

Gab es bisher noch nie den Moment, wo Du gedacht hast, ich will einfach nicht mehr? Augenblicke, in denen Du Dich nach Deiner bürgerlichen Existenz zurückgesehnt hast?

Ich denke nicht. Nein. Noch nie hatte ich genug davon, hier zu spielen. Im Gegenteil, das Theater ist mein Leben.

Wie bist Du eigentlich darauf gekommen, Dein Theater auf den Namen "Théâtre des Abysses" ("Theater der Abgründe") zu taufen?

Weil Abgründe für mich Tiefen sind, die zwei Bedeutungen haben. Einerseits das Theater im Innern einer Brücke, das ist die Tiefe. Eine andere Tiefe, das ist die moralische Tiefe. Deshalb habe ich das Theater so genannt. Übrigens, der Name ist so von selbst gekommen. Die erste Journalistin, die hierher kam, hatte mich gefragt, wie ich mein Theater nenne. Die erste Idee, die mir durch den Kopf schoss, war "Théâtre des Abysses". Das ist mir so spontan eingefallen.

Hat für Dich die Tiefe auch die Bedeutung einer gewissen Unabhängigkeit?

Natürlich. Die Tiefe, das ist für mich auch die völlige Freiheit. Stell' Dir vor, ich spiele einfach hier mit Freunden wie Eric. Und das ist alles.

Was bedeutet für Dich der Begriff 'Freiheit'?

Was bedeutet für mich Freiheit? Hm, exzellente Frage. Ich danke Dir, sie mir gestellt zu haben! Freiheit bedeutet für mich genau das zu machen, auf was ich Lust habe, wann ich es will und auch wo ich es will.

Casquette, vielen Dank für das Gespräch.

     © Dominik Ruisinger