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"AUF LEUTE WIE MICH HAT NIEMAND BOCK"
Über das Überleben eines Obdachlosen in der Vorweihnachtszeit. Eine alltägliche Geschichte aus Berlin.

Marc ist 31. Doch sein Aussehen lässt ihn älter erscheinen. Zerzauster Vollbart, ein schäbiger Mantel, dreckige Turnschuhe, ein gezeichnetes Gesicht. Die Jahre haben an ihm gezehrt. Seit 6 Jahren ist er obdachlos und lebt auf der Straße- und damit am Rande der Gesellschaft.

Es war im Winter 1999, als von heute auf morgen alles über ihm zusammenbrach. Wenn er heute davon erzählt, steigen die Erinnerungen wieder hoch: Der Verlust seines Jobs als Tischler, die Trennung von seiner Freundin. Den Kontakt zu seinen Eltern hatte er schon zuvor abgebrochen. Nichts war ihm geblieben. Er fiel in ein dunkles Loch ohne Ausgang. Und niemand hielt ihn auf dem Weg auf. Im Gegenteil: Freunde, die sich distanzierten, Alkohol, Drogen - mehr will er nicht erzählen. Es muss noch eine Menge geben. Er selbst hat mit der Zeit abgeschlossen. Heute lassen ihn die Almosen der Menschen weiterleben. "Lebenslust, was ist das", fragt er traurig? Den Blick starr nach vorne gerichtet, ist aus seinen Augen jeglicher Ausdruck von Zuversicht und Hoffnung verschwunden. "Überleben pur" nennt der Berliner diesen Kampf. Nicht mehr und nicht weniger.

Marc ist kein Einzelschicksal. Die Zahl der Personen, die auf und von der Straße leben, hat in den letzten Jahren beständig zugenommen. Schätzungen des Diakonischen Werks Berlin-Brandenburg zufolge leben allein in Berlin heute 2.000 bis 4.000 Obdachlose auf der Straße. Ob sie jemals den Weg wieder in die Gesellschaft zurückfinden, ist mehr als fraglich.

Ein kleiner Hund kauert an Marcs Seite. Ein typisches Bild bei  Obdachlosen. "Vor zwei Jahren habe ich ihn aufgelesen. Seitdem folgt er mir auf Schritt und Tritt." Gemeinsam gehen sie tagsüber in der belebten Berliner Fußgängerzone Wilmersdorfer Straße "auf Platte". Ein Pappschild weist auf ihr Schicksal hin: "Wir sind ohne Bleibe und haben Hunger. Bitte helfen Sie uns mit einer Spende. Vielen Dank."

Niemand scheint im Vorweihnachtsstress von ihnen Notiz zu nehmen. Die Straße ist festlich geschmückt, die Luft riecht nach Glühwein und gebrannten Mandeln. Es fehlt nur noch die Weihnachtsmusik. Doch die kommt sicher bald. Lohnt es sich überhaupt, hier zu sitzen? Marc wirft mir einen etwas mitleidigen Blick zu. "Viel springt nicht raus, oder was glaubst Du? Gestern waren es immerhin 6 Euro. War o.k. Heute ist wenig los wie du sehen kannst. Auf Typen wie mich haben die Leute hier null Bock." Ohne ihm Beachtung zu schenken, eilen die Menschen vorüber. Mal ein angewiderter Blick, mal ein paar Münzen, meistens völlige Ignoranz. Daran hat sich Marc gewöhnt.

Viel schlimmer trifft ihn die plötzliche Kältewelle. Tagsüber ist es noch erträglich. Da zieht er sich in den Eingangsbereich der Kaufhäuser zurück, bis ihn die Ladenbesitzer verscheuchen. Nach 20 Uhr ist der nächstliegende U-Bahnschacht seine Wahlheimat. Aber nur für ein paar Stunden. Denn mit Betriebsschluss fängt die Nacht für ihn erst richtig an. Und damit auch die Qualen eines Lebens auf der Straße im Winter.

Als ich ihm vom Schicksal der Obdachlosen aus Hamburg erzähle, die vor mehreren Jahren aus "Rücksichtnahme" vor den Ladenbesitzern aus der Innenstadt vertrieben werden, steigt die Wut in ihm hoch. "Es ist schon ein Scheißstaat, in dem wir hier leben. Sozialstaat, dass ich nicht lache. Der geht doch nur soweit, wie die da oben festlegen. Wir jedenfalls gehören nicht dazu"

"Und Weihnachten?" "Was hat das mit mir zu tun", fragt er etwas wirsch in meine Richtung. "Glaubst du wirklich, dass sich dann für mich was ändert?" Ob er noch Träume habe, will ich auch noch von ihm wissen. Desillusioniert zuckt er mit den Schultern: "Schlechter kann es für mich nicht werden. Doch ob es besser wird - wer weiß. Hauptsache dieser Scheißwinter hat bald ein Ende. Das wäre mal ein sinnvolles Weihnachtsgeschenk. Und Du, wie steht's mit Dir? Reihenhaus, Familie, geregelter Job mit 35-Stundenwoche?" Zum ersten Mal blitzt etwas wie ein Lachen über sein Gesicht, als ich mit einem Achselzucken antworte.

Jetzt ist es 22 Uhr. Kurz schütteln wir uns zum Abschied die Hände. "Wie heißt der Hund eigentlich?" "Der hat keinen Namen. Genauso anonym wie wir Obdachlose, an denen ihr täglich vorbeilauft." Mehr ist nicht zu sagen, wenigstens für heute. Marc kauert sich wieder in eine windgeschützte Ecke, sein Hund schläft noch immer, und ich fahre nach Hause.

     © Dominik Ruisinger