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DAS WUNDER VON PORTUGAL

Wenn Stadien zu Schmuckkästchen werden. Ein Blick in die Arenen der EM'2004.

Es hatte wirklich nicht wenige Zweifler am Stadienprojekt der Portugiesen gegeben. Denn der Plan der EM-Gastgeber war überaus ehrgeizig: 10 Stadien in 8 Städten sollten neu erbaut oder zumindest kräftig modernisiert und bis zur EM 2004 fertig werden. Doch die Zweifler – ob Medien, Funktionäre oder Fans – sollten diesmal falsch liegen. Fieberhaft hatten die Portugiesen an neuen Arenen gearbeitet, nichts dem Zufall überlassen, um das Turnier für Spieler, Betreuer wie Besucher zu einem Erlebnis zu machen. Und die Gastgeber schafften – nach kräftigem Druck seitens der UEFA - etwas, was viele als "Wunder von Portugal" bezeichnen: Spektakuläre Stadien, wirkliche Schmuckkästchen und zum Erstaunen aller schon Ende 2003 bezugsbereit. Heute stehen für die 31 Partien 10 Arenen zur Verfügung – in Aveiro, Braga, Coimbra, Faro, Guimarães, Leiria, Lissabon und Porto.

Fußball in der Portwein-Metropole
Eröffnet wird die Europameisterschaft am 12. Juni im hypermodernen Estádio do Dragão, der neuen Heimat des Star-Clubs FC Porto. Pünktlich zur EM hat das "Drachenstadion" das traditionsreiche und über 50 Jahre alte "Antas"-Stadion ersetzt. Jetzt thront oberhalb der Portwein-Metropole eine überdachte Arena als Teil eines riesigen "Sport-City"-Komplexes mit Geschäftsvierteln, Einkaufszentren, Restaurants und Sportanlagen. 50.000 Zuschauer fasst das luftig gebaute Multifunktions-Stadion, in dem neben dem Eröffnungsspiel Portugal gegen Griechenland noch vier weitere EM-Spiele stattfinden. Auch für die deutsche Mannschaft wird im Drachenstadion der erste Anpfiff ertönen: Zur Schlagerpartie am 15. Juni gegen die Niederlande.

Nur vier Tage später tritt das Team von Rudi Völler erneut in Porto an: Dieses Mal gegen Lettland im Estádio do Bessa, dem kleineren Stadion des Stadtrivalen Boavista. Wenn auch keine Neukonstruktion, so wurde es umfangreich renoviert, die Kapazität auf 30.000 erweitert, die Tribünen überdacht, die Infrastruktur modernisiert. Ergebnis: Ein dichtes und atmosphärisches Schmuckkästchen, das in seiner Enge sehr an britische Fußball-Arenen erinnert.

Von Felsen-Diamanten und Königs-Palästen
Das spektakulärste Bauwerk unter den Stadionbauten steht in der nördlichen Stadt Braga. Am Hang eines Berges schlugen die Planer um den Architekten Eduardo Souto Moura das Estádio Municipal in einen Steinbruch. 1 Million Kubikmeter Granit trugen sie ab, um Tribünen in das Felsmassiv zu bauen. Künftig genießen gut 30.000 Zuschauer ein fantastisches Panorama: Eine Arena auf dem Rücken des Monte Castro, inmitten eines neuen Stadtparks. Kein Wunder, dass sich die Kritik in ihren Lobeshymnen über dieses gewagte Vorhaben überschlug: "Kunstwerk", "in Felsen eingelassene Diamanten" - die nach Ende der beiden Gruppenspiele wieder dem unbekannteren Hausherrn SC Braga zur Verfügung stehen.

Es trägt den Namen des ersten Königs Portugals und wurde im Juli 2003 als erste der EM-Arenen eingeweiht: Das Estádio D. Alfonso Henriques von Guimarães. In diesem historischen Ort verzichteten die Organisatoren auf einen Neubau. Vielmehr erweiterten sie die Heimat des hiesigen SC Vitória mit vier überdachten, doppelstöckigen Tribünen und schufen so für 34.600 Zuschauern einen beeindruckenden Rahmen für die zwei EM-Spiele.

Keine reinen Fußball-Arenen
Ein moderner Design-Bau erwartet die Besucher der EM-Spiele in Aveiro, ebenfalls im Norden des Landes. 31.000 Zuschauern bieten die vier Tribünen des überdachten Estádio Municipal de Aveiro Platz. Das farbenfrohe, rechteckige Stadion wurde dabei so angelegt, dass nach der EM-Endrunde hier Konzerte und andere Events stattfinden können, wenn mal nicht die Kicker des SC Meira Mar spielen.
Ebenfalls kein reines Fußballstadion ist das Estádio Municipal in Coimbra. Dies zeigt sich schon an der Laufbahn zwischen Spielfeld und Zuschauerrängen. Umfangreich wurde der 40er Jahre Bau für die EURO 2004 saniert, um Oberränge und Dach erweitert und in einen Freizeit-Komplex integriert. Typisch für diese Multifunktions-Arena die erste Groß-Veranstaltung: Nicht Fußballspieler sondern die Rolling Stones höchstpersönlich rockten das 30.000 Besucher fassende Stadion.

Auch im nah gelegenen Leiria standen die Veranstalter vor der Herausforderung, ein für die Leichtathletik ausgelegtes Stadion in eine Fußball-Arena zu verwandeln. Dafür erweiterten sie mittels temporärer Tribünen das Fassungsvermögen des Estádio Municipal Dr. Magalhães Pessoa und peppten es visuell mit farbigen Sitzen auf. Dass es fit für die beiden Gruppenspiele ist, bewies die Stadien-Eröffnung als gutes Omen: Portugal glückte ein 8:0 Kantersieg gegen Kuwait.

Neues Kronjuwel für die Hauptstadt
22 Tage werden vergangen sein, wenn am 4. Juli in Lissabon das letzte Tor fällt: Im Endspiel im Estádio da Luz. Dieser Schauplatz des Traditionsclubs Benfica sollte ursprünglich nur renoviert werden. Doch dann ließ man das altehrwürdige Haus abreißen, das zu den weltweit bedeutendsten Arenen zählte. Ein hypermodernes Stadion mit 65.000 Plätzen entstand, in dem fünf EM-Partien ausgetragen werden. Fast 120 Mio. Euro wurden dafür investiert – Rekord unter den Stadien-Bauten. Das Ergebnis, ein Hochgenuss: größte Arena mit steilen Zuschauerrängen, brillanter Sicht, perfekten Sporteinrichtungen. Ob auch die deutsche Mannschaft dort spielen darf – vielleicht sogar im Finale -, wird erst das Turnier zeigen. Sicher ist dagegen die Partie gegen Tschechien am 23. Juni im benachbarten Estádio José Alvalade XXI. Die farbenfrohen Heimat des Stadtrivalen Sporting Lissabon wurde pünktlich zur EURO 2004 als moderne Multifunktions-Arena fertig und bietet 50.000 Zuschauern Sicht auf fünf EM-Spiele.

Im südlichen Niemandsland
Szenenwechsel: Ein absolutes Kuriosum steht ganz im Süden in der beliebten Ferienregion Algarve. Mitten im Niemandsland – genau zwischen den Städten Faro und Loulé - entstand das Estádio Algarve. Übrigens auch ohne Heimat-Verein. Denn die Gegend verfügt über keinen Club der ersten portugiesischen Liga. Wer in der 30.000 Zuschauer fassenden Arena mit Hubschrauberlandeplatz nach Ende der EM seine Spiele austragen soll, ist offen.

Überhaupt muss eine Frage erlaubt sein: Was tun die Portugiesen nach der EM mit den Stadien, deren Bau mit 660 Millionen doppelt so viel Euro wie geplant verschlungen hatte? Denn wirklich große Zuschauermassen zieht hier kein Verein in die Stadien? Vielleicht sollte man sich aber mit dem Zweifeln zurückhalten. Denn das nächste portugiesische Wunder kommt bestimmt. Es ist nur eine Frage der Zeit.

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     © Dominik Ruisinger