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WEISST DU NOCH? "Ich kann mich noch genau erinnern, als ich dich hier auf der Plaça del Rei zum ersten Mal sah", blickt Josep seine Frau an. "Es war ein Sonntag, wie heute. Du trugst einen weiten Rock und diskutiertest mit einer Freundin über Politik." Rosanna nickt. "Und du hast mich dann angesprochen – mit deiner roten Jacke, der schiefen Mütze und dem stolzen Lächeln, das du bis heute mit dir rumträgst." Sie gibt Josep einen kurzen Kuss auf die Wange. Seither sind fast 55 Jahre vergangen. Vieles hat sich geändert. Franco starb, die Demokratie kam und mit ihr die modernen Zeiten. Nur das Gotische Viertel blieb das, was es schon immer war: Ort der großen und kleinen Leute, der Schlipsträger und Studenten, der Bewohner und Besucher, der guten Restaurants und einfachen Bars – ein Treffpunkt, tief verwurzelt im Herzen der katalanischen Hauptstadt. Hand in Hand laufen Josep und Rosanna durch die engen Gassen der mittelalterlichen Welt. Hier und dort eine alte Kirche, ein Stadtpalast, oft bröckelt schon der Putz ab. Kaum dringen die Sonnenstrahlen auf das Kopfsteinpflaster hinab. "Kannst du dich noch an die vielen Buchhandlungen erinnern", fragt Rosanna ihren Mann, als sie die kleine Gasse Llibreteria überqueren. "Du hast hier immer nach Büchern von García Lorca gesucht." "Obwohl das damals verboten war", nickt Josep vertieft in Gedanken an alte Zeiten. Sie biegen in die Carrer Hercules ein. Kurz hinter Sant Justo y Pastor, der ältesten Kirche der Stadt, führt er seine Frau durch einen Torbogen in einen kleinen Innenhof. "Weißt du, was hier passiert ist?" Rosanna sieht ihn mit großen Augen an. "Hier hast du mich zum ersten Mal geküsst. Wie sollte ich das vergessen." Ihre Stimme klingt etwas vorwurfsvoll. Als sie den Platz vor der Kathedrale La Seu erreichen, tritt gerade ein Brautpaar ins Freie. Auf dem Platz spielt eine Kapelle, Menschen tanzen im Kreis Sardana - wie jeden Sonntag. Schnell überquert das alte Paar die Plaça de Sant Jaume. Die gleißende Sonne, die das politische Zentrum ihrer Heimat bestrahlt, macht ihnen zu schaffen. Das Gesicht in der Sonne, der Körper aber im Schatten lassen sie sich durch die malerische Carrer del Bisbe Irurita treiben, ihre Lieblingsstraße. In der Luft liegt ein Duft nach gebratenem Fisch. Vor einem geschlossenen Laden stehen zwei alte Männer. Ein kurzer Gruß. Schon ist das Paar wieder allein, mit sich und seinen Erinnerungen. In der Carrer Montsio liegt das Restaurant Els Quatre Gats. "Weißt du noch, als hier die Tertulias stattfanden? Die Schriftsteller und Philosophen in ihren Intellektuellenkreisen über Politik diskutierten?" "Aber immer nur hinter vorgehaltener Hand, damals unter Franco." Rosanna wird kurz ernst und lächelt dann wieder. "Diese Zeiten sind ja glücklicherweise vorbei, und wir leben immer noch. Und doch gar nicht so schlecht." Sie drückt Joseps Hand fest, als er sie in das Lokal schiebt. 2.872 Zeichen |
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