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KUNSTBOOM CHELSEA - EIN VIERTEL IM WANDEL Das New Yorker Viertel Chelsea gilt als Kunstmekka. In den letzten Jahren haben sich in dem Industriedistrikt zahlreiche kleine wie etablierte Kunstorte angesiedelt. Seitdem hat es sich zu einem wirklichen Szeneviertel entwickelt - tags wie nachts. Ein Besuch. (Stand 2001) "Es war im Winter 1992, als ich mit einem Freund auf der Suche nach Ausstellungsräumen durch Chelsea zog", erinnert sich die New Yorker Galeristin Pat Hearn. "Damals gab es hier nur zwei oder drei Galerien. Wir liefen durch das eisige, verschneite Viertel, klopften an alle Türen und landeten schließlich hier in diesen Räumen, in denen damals noch Taxis repariert wurden." Wer sich in der modernen Galerie umsieht, muss bei dieser Geschichte schmunzeln, die typisch für Chelsea ist. Kaum ein Ort hat in den letzten Jahren eine solch dynamische Entwicklung erlebt wie das im Westen Manhattans gelegene Viertel. Noch bis vor einem Jahrzehnt dominierten grau-düstere Mietskasernen mit trübseligen Fassaden, vernachlässigte Lagergebäude und Schlachthäuser das flach bebaute Gebiet. Weder New Yorker noch Touristen zog es in den heruntergekommenen Industriedistrikt. Mögliche Ausnahme: Ein Besuch im legendären Chelsea-Hotel, in dem einst Andy Warhol seine "Chelsea Girls" auf Zelluloid bannte. Heute ist das Viertel Inbegriff für die New Yorker zeitgenössische Art-Szene, ein Kunstmagnet mit über 100 Galerien - Tendenz steigend. Die Flucht vor hohen Mieten Nur wenige Häuser neben Pat Hearn bezog die berühmte Matthew Marks Gallery zur gleichen Zeit eine ehemalige Garage. Mit Künstlern wie Nan Goldin oder Cy Twombly zählt sie zu den wichtigsten Galerien. Und dies nicht nur in Chelsea. "Wenn du wirklich nach neuen Trends suchst", so Allen bei einem Cappuccino in einer Bar um die Ecke, "dann findest du sie hier." Auch der berühmte Fotograf Ted Croner, dessen Bilder heute im Whitney Museum und MoMA hängen, staunt über diese Entwicklung. "Wenn ich sehe, was und in welchem Tempo hier alles in den letzten Jahren passiert ist", so der 76jährige, während er seine Pfeife stopft, "kann man leicht den Überblick verlieren, selbst wenn man wie ich viele Galeristen schon lange kennt." Pionier dieser Kunstexplosion ist das Dia Center for the Arts. Seit 1987 stellt es Film- und Videokünstlern drei Etagen für langfristige Ausstellungen zur Verfügung. Über das in blaues, fluoreszierendes Neonlicht getauchte Treppenhaus gelangen wir auf die Dachterrasse. In der begehbaren Plexiglas-Installation "Zweiwegespiegel-Zylinder" des Künstlers Dan Flavin spiegeln sich die Dächer New Yorks, mit dem Empire State Building am Horizont und dem träge dahin fließenden Hudson River zu Füßen. Die anderen Seiten der Kunstexplosion Doch diese Kunstexplosion hat auch andere Seiten. Fünf Straßenblocks nördlich führt ein knirschender Lastenaufzug in den 12. Stock eines Industriegebäudes. Hoch über New York liegt seit 1997 die Galerie von Leslie Tonkonow mit Schwerpunkt auf Konzeptkunst, Minimalart und Fotojournalismus. Auch wenn ihre Shows breite Resonanz gerade im wichtigsten Medium, der New York Times, finden, stimmen die 45jährige die enormen Veränderungen nachdenklich. "Es muss einfach zu denken geben, dass die Mieten innerhalb von drei Jahren auf das zehnfache explodiert sind. Damit vollzieht sich eine Entwicklung", so die Galeristin, "die im Vergleich zu SoHo noch deutlich schneller ist. So wird es bald kaum mehr Platz in Manhattan geben, um auch experimentelle Wege in der Kunst zu gehen." So überrascht es nicht, dass von der Off-Galerienszene nur Ansätze zu finden sind. Das Gros der jungen wilden Kunst New Yorks ist bereits über den Hudson River nach Williamsburg verzogen, um dort in Lofts oder Hinterhöfen Happenings und Art-Parties zu feiern. Die etablierten Galerien halten jedoch an Chelsea fest. Der Grund, so Leslie, ist einfach: "Bislang traut sich kaum ein Sammler auf die andere Seite des Hudson Rivers. Chelsea hat da einen großen Pluspunkt. Hier sitzen mehr als 100 Galerien auf einem Fleck. Und jeder kann bequem von einer zur anderen wechseln." In-Locations für die Schönen der Nacht Auch am Abend hat das Viertel seine Vergangenheit hinter sich gelassen. Mitten im Kunstviertel residiert die In-Location Lot 61 in einer alten LKW-Fabrikhalle. Seit zwei Jahren beherbergt die elegant restaurierte Bar-Lounge das schöne und reiche Nachtvolk der Stadt. So ist es nicht selten, dass auf den rot-schwarzen Ledersesseln unter den Kunstwerken von Damian Hirst Robert de Niro oder Liv Tyler an ihren Cocktails nippen, eine der 61(!) Martinisorten schlürfen und dazu asiatische Küchenhäppchen picken. Im Süden Chelseas schließt sich der Meat-District an. Eine etwas verruchte, heruntergekommene Gegend mit dunklen Gassen in direkter Umgebung von Schlachthöfen, aus denen morgens das Fleisch durch die Gassen getragen wird. Mitten drin liegt das französische Diner Florent. Auch nach vielen Jahren zählt dieses atmosphärische und in zahllosen Shootings abgelichtete Restaurant mit ihrer Mischung aus französischer Küche und amerikanischen Burgern zu den beliebtesten Orten im Nachtleben. Schlafen verboten Vom Serena sind es nur wenige Meter zum angesagten Dance-Club Baktun. Seit knapp zwei Jahren saugt gerade die Drum'n Bass Night 'Direct Drive' jeden Samstag ein Publikum von fröhlichen Clubbern in das schlauchförmige, verrauchte Kellergewölbe. Künstlervideos flackern auf einer großen Leinwand, vor der schweißnasse Tänzer zu dumpfen Bässen zucken. Wer in den frühen Morgenstunden diese überfüllte Enge verlässt, wird sich vielleicht an den Satz von Simone de Beauvoir erinnern: "Die New Yorker Luft hat etwas, das Schlaf sinnlos macht." |
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