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RUSSISCH NEW YORK

Der Boardwalk ist das Bindeglied für zwei außergewöhnliche, traditionelle Welten: Die russische Enklave Brighton Beach und das Vergnügungsviertel Coney Island.

Es ist früh am morgen, als wir am New Yorker Atlantik stehen. Sand wirbelt in kleinen Pirouetten durch die Luft. Das aufgewühlte Meer schickt schäumende Wellen an den ausgestorbenen Strand. Die feuchte Meeresluft weht uns einen salzigen Wind um die Nase, während die leicht klammen Kleider darauf warten, von der Morgensonne getrocknet zu werden. Doch die lässt noch auf sich warten. Ein Jogger läuft laut singend vorbei, als ob er uns den Weg zeigen wollte.
 
Nur 40 Minuten von Manhattan liegt am südöst-lichsten Zipfel von Brooklyn eines der ungewöhnlichsten Bilder New Yorks: Die russische Enklave Brighton Beach. Bereits bei der Ankunft fühlt man sich in eine andere Welt versetzt, von der die Metropole Tausende von Meilen entfernt zu sein scheint: Eine Fremde, mit fernen Düften und Gerüchen, ungewohnten Sprachen und Klängen - fernab von Touristenströmen und Großstadtleben.

Die Bewohner wirken zurückhaltend und verschlossen. Sie scheinen in ihrer Welt nicht gestört werden zu wollen. Englischkenntnisse beschränken sich auf wenige Brocken. Gerade diese Distanz hat dazu beigetragen, dass aus Brighton Beach trotz günstiger Meeres-Strandlage kein lärmendes Feriendorf auf dem touristischen Präsentierteller wurde. Es ist vielmehr eine eigene Stadt in einer Stadt, eine Kultur in einer Kultur, aber auch eine Denk- und Lebensweise in einer anderen geblieben, die Zurückhaltung, Bescheidenheit und Fremde in sich bewahrt.

Eine eigene Stadt in einer Stadt
Die Ursprünge des heute 150.000 Bewohner zählenden Ortes reichen ins Jahr 1868 zurück. Damals kaufte William Engeman das Land und taufte es auf den gleichnamigen britischen Urlaubsort. In den folgenden Jahren eröffneten Hotels, Kasinos sowie das erste 'Yiddish Theater' als Reaktion auf die Ankunft zahlreicher osteuropäischer Juden. Die 30er und 40er Jahre brachten eine Fluchtwelle aus Europa, in den 70er und 80er Jahren folgten 40.000 Menschen vorwiegend aus der damaligen UdSSR. Heute dominiert die größte russische Gemeinde in den USA den ethisch-kulturellen Meltingpot - neben der traditionellen jüdisch-orthodoxen sowie der asiatischen Bevölkerung. Rund 70.000 Russen leben hier mit Wodka und Kaviar statt Coca Cola und Cheeseburger, nostalgischen Volksliedern statt Leuchtreklame und Rap-Musik. Viele von ihnen stammen aus Odessa, dem Seebad am Schwarzen Meer. Kein Wunder also, dass dieser Teil New Yorks als 'Little Odessa by the sea' bekannt ist.

Am Corbin Place treffen wir auf ein paar ältere Männer, die sich unter Bäumen zum Dominospielen getroffen haben. Die glimmende Zigarette zwischen den Lippen ist in der morgendlichen Stille nur das Klickern der Steine zu hören. Kaum etwas erinnert daran, dass Brighton Beach Teil der amerikanischen Metropole ist. Einige vereinzelte Basketballkörbe, die für das New Yorker Stadt-bild so typischen Feuerleitern, die außen an den Backsteinhäusern empor führen, das ist schon alles. Auf der Hauptstraße, der Brighton Beach Avenue, haben wir New York endgültig verlassen. Russische Läden, Cafés und Restaurants verleihen dem Ort einen unverwechselbaren Charakter. "Messwein im Angebot" steht in kyrillischen Buchstaben auf einer Fensterscheibe, daneben klebt eine Telefonkarte "Call Russia with the Russian Phone Card, 37 cents per minute". Ein paar Meter weiter tönen östliche Schlager aus der Wäscherei, die gleichzeitig russische Souvenirs vertreibt.

An der nächsten Straßenecke empfängt uns der Duft leckerer Teigwaren, die gerade bei 'Mrs. Stahl Knishes' so beliebt sind. Nebenan der 'Black Sea Bookstore', eine Reiseagentur, ein Elektrogeschäft, ein Friseur - alles in russischer Hand, auch wenn die Ware made in USA oder Japan ist. Durch das Gedränge zwischen Obstkisten, Gemüsekartons und fliegenden Händlern schieben wir uns an Lenin-Abzeichen, Gorbatschov-Babuschkas und Knoblauchwürsten die Hauptstraße entlang. Über uns scheppert wie in ganz Brooklyn die Subway hinweg. Durch das Eisengestänge fluten gleißende Lichtstrahlen, die auf der Straße Schachbrettmuster zeichnen und die vom Verkehr bleigeschwängerte Luft funkeln lassen.

Die Erfüllung des amerikanischen Traumes
Wenig später haben wir wieder die Strandpromenade erreicht. Kilometerlang zieht sich der Boardwalk auf Holzdielen das Meer entlang. Unter einem überdachten Areal haben sich ältere Russen zum Kartenspielen getroffen, wie jeden Tag. Nebenan bereiten zwei Kameramänner ein Shooting vor, ist dieser Ort bei Filmemachern traditionell sehr beliebt. Vom Meer ziehen dunkle Wolken auf; das Wetter schlägt in Sekundenschnelle um. Mit den ersten Regentropfen verziehen wir uns ins Moscow, einer Cafe Bar, in der einst der Regisseur Jan Schütte Szenen für seinen Film 'Auf Wiedersehen Amerika' drehte.

Bei kalter Borschtsuppe treffen wir Vadim. Der 60jährige Russe ist ein Beispiel für viele, die im Laufe der letzten Jahrzehnte ausgewandert sind. Er ist stolz, sich seinen ganz persönlichen, amerikanischen Traum erfüllt zu haben. Eine Rückkehr kommt für ihn nicht in Frage. "Warum denn?" Dabei zuckt er mit den Achseln, bevor er in gebrochenem Englisch fortfährt. "Meine Frau lebt hier, meine Kinder mit meinen Enkeln, viele Freunde sind nachgekommen, was soll ich noch in Moskau?"

Für ihn gehört seine Heimat bereits der Vergangenheit an, mit der er abgeschlossen hat, auch wenn sie sich immer wieder in kleinen, kaum sichtbaren Gesten zu erkennen gibt. Als ich mich nach Kaffee und Mohnschnecken verabschiede, läuft im Fernsehen ein russisches Schlagerfestival. Fast nostalgisch beginnt Vadim leise mitzusummen. In Brighton Beach hat für ihn ein neuer Lebensabschnitt begonnen, der in diesem russischen Umfeld viel mit dem alten gemeinsam hat.

Auf dem Grat zwischen gestern und heute
Schritt um Schritt verlassen wir die russische Enklave, als wir den Boardwalk weiter entlang laufen. Mit Sicherheit hat dieser Weg nicht die Bekanntheit eines Broadway. Auch in kaum einem touristischen Führer ist er ausdrücklich als Sightseeing-Highlight hervorgehoben. Und doch hat er seine Bedeutung als Bindeglied zweier außergewöhnlichen Bilder und Welten, die kaum gegensätz-licher sein könnten: Als Übergang von einer zurückhaltenden, russischen Enklave in ein traditionelles Vergnügungsviertel Amerikas: Coney Island.

"Welcome to Wonderland, welcome to Coney Island" begrüßt das Riesenrad Wonderwheel die Besucher. Imbissbuden und Popcornstände, Rapmusik und Latino-Rhythmen, blinkende Spielhöllen und der Vergnügungspark 'Astroland' prägen das Bild dieser prallen Spielwiese. Die vorbeiflutende Menge kaut an 'Nathan's world famous hot dogs', sollen die Wurstbrötchen hier 1916 erfunden worden sein.

Kaum ein anderer Ort spiegelt die Entstehung der amerikanischen Entertainment-Kultur besser wieder. Noch Anfang des 20. Jahrhunderts war Coney Island Inbegriff der größten weltweiten Vergnügungsparks. 'Stepplechase', 'Luna Park' und 'Dreamland' waren die Antwort auf die gewachsene Sucht nach Attraktionen und Sensationen, eine Traumwelt aus bizarrer Architektur und exotischen Tieren. Und heute? Man muss nicht erst alte Fotos betrachten, um zu begreifen, dass die glorreichen Zeiten längst der Vergangenheit angehören. Die Zeit hat kräftig am angegammelten 'Astroland' genagt. Nur der abgetakelte Fallschirmsprungturm und die legendäre, denkmalgeschützte Holzachterbahn 'Cyclone', der Woody Allen 1976 im 'Stadtneurotiker' ein Denkmal setzte, erinnern an die Vergangenheit.

Doch noch immer zieht es jedes Wochenende und gerade zur alljährlichen 'Mermaid-Parade' Tausende Ausflügler hierher, allein um sich am kilometerlangen Strand vom Moloch New York für einen Moment zu erholen. Ansonsten ist ein Besuch mehr die melancholische Begegnung mit einer Legende, die zwischen altem Charme eines ehemals mondänen Ortes und sicht-barem Verfall wie ein angeschlagener Boxer im Ring umhertaumelt - und trotz Niederschläge immer wieder aufsteht.

Die russische Wirklichkeit
Wenn der Boardwalk Coney Island und Brighton Beach miteinander verbindet, so haben beide Seiten doch wenig mit der anderen zu tun. Die Begegnungen ihrer Bewohner beschränken sich eher auf ein gleichgültiges Vorbeischlendern. Auch am Abend ändert sich nichts an der Trennung dieser Parallelwelten, auch wenn dann die russische Welt klar das Leben auf dem Boardwalk dominiert. Fein gekleidete Frauen flanieren mit der neuesten Garderobe den Weg entlang, um im Anschluss im Restaurant Wolna elegant zu dinieren.

Zwölf Stunden sind seit unserer Ankunft vergangen. New York ist in diesem Moment weit weg. Während die sinkende Sonne das weite Meer zum Abschied in ein warmes Licht taucht, tönt es von den Nebentischen nur russisch: 'Little Odessa by the Sea' ist Wirklichkeit geworden. Wenn Straßenmusikanten vor den Restaurants dann alte Volkslieder anstimmen, ist die letzte Verbindung zur nahen, vibrierenden Metropole der Superlative, zur amerikanischen Wirklichkeit endgültig zerschnitten.

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     © Dominik Ruisinger