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24 STUNDEN NEW YORK

Unterwegs mit dem A-Train: zum Galerienbummel in Chelsea, zum Night-Clubbing downtown und zum russischen Frühstück in Brighton Beach

"Ich habe eine Wohnung, bin gutaussehend und gehe nicht betteln." Mit bebender Stimme schlängelt sich ein circa 30jähriger durch die volle Subway. "Ich bin Businessmann und habe viele Kunden." Dabei zeigt der Schwarze immer wieder hektisch auf die Leucht-Jojos, die an seinem Arm baumeln. "Only one Dollar, a good price, you can't beat it". Als er kurz darauf das Abteil verlässt, blinken immerhin sechs Jojos auf der Fahrt durch die Tunnelröhren. Es ist 9 Uhr morgens in New York. Vor fünfzehn Minuten haben wir den von Blues- und Jazzgrößen vielbesungenen A-Train bestiegen. "You must take the A-Train" heißt es in der berühmten Duke-Ellington-Hymne von 1941. Daran hat sich nichts geändert. Noch immer gehört der Expresszug zu den wichtigsten Verkehrsmitteln für Bewohner wie Besucher auf dem Weg von Harlem im Norden Manhattans bis tief ins südöstliche Brooklyn.

Alle paar Minuten öffnen sich geräuschvoll die Türen und schließen wieder, steigen Menschen ein und wieder aus. Gerade quetscht sich eine übergewichtige schwarze Mama auf der Suche nach einem Platz auf den harten, bunt bemalten Kunststoffbänken durch die Menge, die einen konstanten Geräuschpegel verursacht. Ruhe ist ein Fremdwort. Als ich auf den Bahnsteig blicke, zieht draußen ein Referend singend vorbei. Der nächste Verkäufer betritt unser Abteil: Batterien im Zweier-Pack, Kerzen und Seife. Alles für einen Dollar. Scheint der Einheitspreis der fliegenden Händler zu sein. Zwei Stationen weiter ein neues Angebot. Diesmal Spielzeug für die Kinder: Gummienten für die Kleinsten, Schlüsselanhänger für die etwas Größeren. Ich fühle mich fast in einem Billigkaufhaus. Von der 125. Strasse, dem Martin-Luther-King-Boulevard, nimmt der A-Train Fahrt Richtung Midtown Manhattan auf. Gegenüber von mir blättert ein Subway-Angestellter in aller Ruhe in seinen Papieren. Unter dem Yankee-Cap tönt ein Walkman.

Ein Spiegelbild des Mikrokosmos New York
Den 82jährigen Ted Croner verbinden viele Erinnerungen mit dem A-Train. "Als ich das erste mal den Ellington-Song hörte - damals wohnte ich noch außerhalb von New York - dachte ich zuerst an einen Zug wie den Orient-Express", schmunzelt der berühmte Fotograf, dessen Bilder im Whitney Museum und im MoMA hängen. "Erst später habe ich verstanden, dass es sich um eine gewöhnliche Subway handelte." In der Folge entwickelte sich diese für ihn zu einem zweiten Arbeitszimmer, wo er zwischen 1946 und 1953 ständig fotografierte. "Für mich hatte es immer etwas Mystisches, ja Faszinierendes an sich. Nirgendwo konnte man diesen Mikrokosmos mit der Kamera besser festhalten, als wenn ich hier heimlich schlafende, lachende, weinende, vor sich hinstarrende Personen ablichtete."

Auch nach gut 100 Jahren wirkt die Subway wie der wirkliche Spiegel des oberirdischen Lebens. Menschenmassen aus aller Welt, Kulturen und Lebensformen, jung und alt, schwarz und weiß, Asiaten und orthodoxe Juden reisen für einen Moment zusammengedrängt durch Zeit und Raum. Kein Ort zeigt die Facetten New Yorks deutlicher. Dabei liegt zwischen den Polen Hoffnung und Verzweiflung, Moloch und Glamourwelt die Einzigartigkeit des Schmelztiegels am Hudson River, dessen Reiz viele nach dem ersten Schritt nicht mehr loslassen wird. Nach rund einer halben Stunde Fahrt haben wir Chelsea erreicht. An der 23. Strasse steigen wir aus und treten aus der Subway-Station ans Tageslicht. Während sich Ted genüsslich seine Pfeife stopft, verabschiede ich mich und schlendere durch das Zentrum von Chelsea.

Chelsea - Kunstmekka New Yorks
Kaum ein Ort hat in den letzten Jahren eine solch dynamische Entwicklung erlebt wie dieses im Westen Manhattans gelegene Viertel. Noch bis vor gut einem Jahrzehnt dominierten grau-düstere Mietskasernen, trübselige Fassaden, vernachlässigte Lagergebäude und Schlachthäuser. Weder New Yorker noch Touristen zog es in den heruntergekommenen Industriedistrikt - außer vielleicht zu einem Besuch im legendären Chelsea-Hotel. Wer heute vom lebhaften Ost-Chelsea Richtung Westen läuft, trifft auf ein wenig frequentiertes, flachbebautes Gelände. Hier ist die New Yorker Art-Szene beheimatet. Gerade im Rechteck zwischen 18. und 28. Strasse sowie 10. und 11. Avenue reiht sich eine Galerie an die andere.

Dass dieses Viertel heute als Inbegriff für die Kunstwelt Manhattans gilt, ist zwei Kräften zuzuschreiben, erklärt der Fotograf und Chelsea-Kenner Alan Frame, der mich die nächsten Stunden auf dem Galerienrundgang begleiten wird: "Einerseits zog eine große Gay-Community aus dem südlich gelegenen West Village nach Chelsea. Die entscheidendere Bewegung kam jedoch aus der New Yorker Kunstwelt. Viele Galerien versuchten, den exorbitanten Mieten und Touristenscharen im traditionellen Künstlerviertel SoHo zu entkommen." Dazu bot das westliche Chelsea mit alten Lagerhäusern große, helle Räumlichkeiten und Lofts zu ungemein günstigen Preisen.

Es ist genau 13 Uhr, als wir das Dia Center for the Arts betreten. Dieser Chelsea-Pionier stellt bereits seit 1987 seine Flächen vor allem Film- und Videokünstlern für ihre Ausstellungen zur Verfügung. Über das steile, in blaues fluoreszierendes Licht getauchte Treppenhaus klettern wir auf die Dachterrasse. Die durchsichtig-begehbare Installation "Zweiwegespiegel-Zylinder" des Künstlers Dan Flavin zieht die Aufmerksamkeit auf sich. Es ist ein Genuss, von hier aus über die Dächer New Yorks zu blicken: am Horizont das Empire State Building, zu Füßen der träge dahinfließende Hudson River. An seinem Ufer machen die Chelsea Piers, ein 100-Millionen-Fitnesskomplex mit Jachthafen, Open-Air Driving-Ranch und Tennisplätzen, die stetige Entwicklung des Industrieviertels zum Szene-Treff deutlich: Die Umwandlung von heruntergekommenen Lagerhallen in frisch renovierte Ausstellungsräume, von Garagen in Kunstfabriken und In-Bars. Noch leben Vergangenheit und Gegenwart zusammen, auch wenn das Heute das Gestern fast schon verdrängt hat.

"Trendsetter des Viertels"
Chelsea aktuell, das ist eine Mischung aus Autowerkstätten, Taxibetrieben und Galerien, die zu 90 Prozent von Frauen geführt werden. Ein gutes Beispiel ist die Mitte 2000 verstorbene Pat Hearn. Sie gehörte zu den ersten Galeristinnen in Chelsea. "Als sie ihre weiträumigen Ausstellungsräume entdeckte, wurden darin noch Taxis repariert", erklärt Alan Frame bei einem Cappuccino. Das war im Jahre 1992. "Damals gab es vielleicht zwei oder drei Galerien." Nur wenige Häuser weiter bezog die berühmte Matthew Marks Galery zur gleichen Zeit eine ehemalige Garage. Mit Künstlern wie Nan Goldin oder Cy Twombly zählt sie zu den wichtigsten Galerien und "Trendsettern des Viertels".

Die Sonne hat ihren Höhepunkt längst überschritten, als uns ein knirschender Lastenaufzug in den 12. Stock eines Industriegebäudes fünf Straßenblocks nördlich fährt. Hier, hoch über New York, befindet sich die Galerie von Leslie Tonkonow. Ihr Schwerpunkt liegt ganz auf konzeptioneller und minimalistischer Kunst, fotojournalistischen Projekten und experimentellen Arbeiten neuer Kunstschaffender. Auch wenn ihre Ausstellungen breite Resonanz gerade im wichtigsten Medium, der New York Times, finden, macht die 47jährige deutlich, dass die Kunstexplosion andere Seiten mit sich brachte: "Es muss einfach zu denken geben, dass die Mieten hier innerhalb von drei Jahren auf das zehnfache explodiert sind."

Angesichts des Chelsea-Trends überrascht es wenig, dass selbst die arrivierten Galerien wie Robert Miller oder die einstige SoHo-Pionierin Paula Cooper heute hier residieren. Auch Metro Pictures mit den postmodernen Arbeiten der berühmten Fotokünstlerin Cindy Sherman - einer der wichtigsten Figuren der amerikanischen Kunst der vergangenen Jahrzehnte - hat sich fest etabliert. Nach fünf Stunden Galerienbummel ist es Zeit für einen ersten Aperitif. Dass Chelsea nicht nur Kunst zu bieten hat, zeigt die ehemalige LKW-Fabrik Lot 61. Mitten im Kunstviertel beherbergt dieses aufwendig renovierte Bar-Restaurant seit einem Jahr das schöne und reiche Nachtvolk der Stadt. Dabei ist es nicht selten, dass auf rot-schwarzen Ledersesseln Robert de Niro oder Liv Tyler, Models und Künstler an Cocktails nippen.

Welcome to the night
Wieder im A-Train schlägt es 20 Uhr. Zeit, sich ins Nachtleben zu stürzen. Simone de Beauvoir schrieb einst: "Die New Yorker Luft hat etwas, das Schlaf sinnlos macht." Richtig. Ob im schicken SoHo oder der etwas verfallenen Lower East Side, ob bohème oder cool, künstlerisch oder avantgardistisch, ständig schießen neue Orte aus dem Boden, die morgen schon wieder out sind. Für den Moment ist es für einen Club-Besuch noch zu früh. Ich verlasse den A-Train und laufe in Richtung des In-Viertel NoLiTa (North of Little Italy), um mich im koreanische Restaurant Clay zu stärken. In dem modern gestylten Ambiente servieren freundliche Kellner köstliche, traditionelle Spezialitäten zu erschwinglichen Preisen wie einen Lychee-Margherita oder ein Bi Bim Bag, zart gedünstetes, knackiges Gemüse mit angebratenem Hühnerfleisch.

In der gemütlichen Bar Sweet & Vicious gleich um die Ecke sitzt der gebürtige New Yorker Alex Gimeno. Wenn er als DJ Ursula 1000 hinter den Plattentellern steht, mixt er französische und Funk-Elemente mit House-Music. Dass selbst die besten Clubs nur maximal ein bis zwei Tage pro Woche angesagt sind, ist für ihn eines der Kennzeichen der Stadt. "Hier existiert ein extrem spezialisiertes Publikum. Gerade Mittwochs oder Donnerstags pilgert es zu speziellen Abenden, wenn ihr Musikstil gespielt wird." Dass zumeist nicht getanzt wird, haben die New Yorker ihrem nicht gerade für seine Offenheit bekannten Ex-Bürgermeister Guiliani zu verdanken. Jeder Club muss zur "Verbesserung der Lebensqualität" neben einer Alkohol- eine teure Tanzlizenz erwerben. Abgesehen von klassischen Diskotheken leistet sich dies kaum jemand. "Eine fast schon absurde Erscheinung im Land der unbegrenzten Möglichkeiten" wie Alex kopfschüttelnd bemerkt.

Ausschau nach Stars
Wir brechen gemeinsam auf Richtung Chelsea-Hotel, wo Alex im Serena als DJ gebucht ist. Über eine steile Treppe steigen wir hinab in das aufwändig restaurierte Kellergewölbe. Rot gestrichene Wände und zierliche Art-Déco-Lampen verleihen den drei Räumen eine warme Lounge-Atmosphäre, die weder Models, Schauspieler, noch Hollywood-Regisseure wie Ridley und Tony Scott für Filmpartys missen wollen. Dass New York ein Ort des People-Watching ist, zeigt zwei Stunden später auch ein kurzer Abstecher in Joe's Pub. Trotz des wenig geistreichen Namens zählt der von Türstehern streng bewachte Club zu den angesagten Locations. In weichen Sesseln und Cocktail-Nischen lassen sich täglich wechselnde Record Release-Partys, Lesungen und Live-Konzerte erleben.

In diesem eleganten Night-Spot für die Beautiful People treffe ich den Fotografen und DJ Lucien Samaha. "Wer nach Stars in New York Ausschau halten will, dem kann ich nur die Nächte unter der Woche empfehlen. Am Wochenende" fährt der gebürtige Libanese leicht zynisch fort, "triffst Du nur auf ewige Schlangen vor den Clubs und ein Publikum, das einzig und allein Designerklamotten von der Stange und teure Autos ausführen will."

Es ist Mitternacht vorbei, als das Taxi durch das verstopfte Manhattan zur Lower East Side fährt. Dort vereint sich ein weiterer Teil der hippen Szene. Immer voll, laut und angesagt, zählen die Clubs rund um die Orchard Street zu den begehrten Locations. Trotzdem bestehen ruhige Fluchtpunkte, um dem Clubbing-Stress für einen Moment zu entfliehen. Viele Nachtmenschen finden ihre Heimat im Kush. Eine warme, ruhige Atmosphäre strahlt die marokkanische Bar mit ihren schönen Keramiken aus. An der Bar bestelle ich einen Kamikaze, die typische New Yorker Variante des Wodka-Lime. Hinter mir haben es sich viele zwischen weichen Kissen gemütlich gemacht, knabbern Mandeln und lauschen dem DJ, der arabische Rai-Musik mit Hip Hop mixt.

Als ich die Ruhe dieser gemütlichen Bar wieder verlasse, graut bereits der Morgen. Zeit, sich kurz bei Katz's Delikatessen zu stärken, wo einst Sally ihrem Harry einen Orgasmus vorspielte. Nach einem herzhaften Pastrami-Sandwich sitze ich wieder im A-Train. Fast unheimlich rast der leere Zug in den frühen Morgenstunden oberirdisch über das noch schlafende Brooklyn, weg von der hektisch-lauten Metropole, hin zum entspannenden Morgen nach Coney Island.

Russisch New York
An der Endstation fühle ich mich auf einem ausgestorbenen Rummelplatz: Welcome to Coney Island. Noch um die Jahrhundertwende der Inbegriff für Erlebnisparks, erinnert heute nur der abgetakelte Fallschirmsprungturm und die legendäre Holzachterbahn 'Cyclone', der Woody Allen einst im "Stadtneurotiker" ein Denkmal setzte, an bessere Zeiten. Doch noch immer zieht es jedes Wochenende Tausende New Yorker in dieses Sammelsurium aus Imbissbuden und blinkenden Spielhöllen, den etwas angegammelten Vergnügungspark 'Astroland' und den erholsamen Strand, der sich von hier aus kilometerlang das Meer entlang zieht.

An der Promenade schlägt es acht Uhr. Sand wirbelt in kleinen Pirouetten durch die Luft. Der aufgewühlte Atlantik schickt schäumende Wellen an den ausgestorbenen Strand. Ein morgendlicher Jogger läuft singend den Boardwalk entlang, als ob er den Weg nach Brighton Beach zeigen wollte. Dieser russische Teil New Yorks bietet am südöstlichsten Zipfel Brooklyns ein ungewöhnliches Bild. Bereits bei der Ankunft fühlt man sich fernab von Touristenströmen und Großstadthektik in eine andere Zeit versetzt: mit fremden Düften und Gerüchen, ungewohnten Sprachen und verschlossenen Menschen, die in ihrer Welt scheinbar nicht gestört werden wollen.

Allein 70.000 Russen leben hier direkt am Atlantik mit Wodka und Kaviar statt Coca Cola und Cheeseburger, nostalgischen Volksliedern und kyrillischen Schriften statt Leuchtreklame und Rapmusik. Viele von ihnen stammen aus Odessa, dem Seebad am Schwarzen Meer. So überrascht es nicht, dass Brighton Beach als 'Little Odessa by the sea' bekannt ist. Im Café Bar Moscow, in dem einst der Filmregisseur Jan Schütte "Auf Wiedersehen Amerika" drehte, sitzt Vadim. Der 60jährige Russe ist ein Beispiel für viele, die im Lauf der letzten Jahrzehnte ausgewandert sind. Er ist stolz, sich den amerikanischen Traum erfüllt zu haben. Eine Rückkehr kommt für ihn nicht in Frage, wie er in gebrochenem Englisch erklärt. "Meine Frau lebt hier, meine Kinder mit meinen Enkeln, viele Freunde sind nachgekommen, was soll ich noch in Moskau?"
Als ich mich nach Kaffee und typischen Mohn-Schnecken verabschiede, läuft im Fernsehen ein russisches Schlagerfestival. Fast nostalgisch beginnt Vadim leise mitzusummen. In Brighton Beach hat für ihn ein neuer Lebensabschnitt begonnen, der in diesem Umfeld viel mit dem alten gemeinsam hat.

In der Zwischenzeit ist der Ort langsam aufgewacht. Die ersten Bewohner schlendern die Hauptstraße entlang, vorbei an Obstkisten und Gemüsekartons, Lenin-Abzeichen und Gorbatschov-Babuschkas. Für mich dagegen ist nach 24 Stunden der Augenblick gekommen, am Sandstrand mit geschlossenen Augen Abschied von dieser schlaflosen Metropole zu nehmen - wenigstens für einen kurzen Moment.

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     © Dominik Ruisinger