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"DIE SCHÖNE" UND DER AUFBRUCH

Die große alte Dame des Landes ist eine wundervolle Stadt. Und auch wenn Lissabon in ihrem Herzen Nostalgikerin geblieben ist, hat die Moderne Einzug erhalten. Ein Besuch.

Es ist noch früh am Morgen in Lissabon. Vom ruhig dahinfließenden Fluss, dem viel besungenen Tejo, steigt Nebel auf, in der Ferne ertönt eine Schiffshupe. Wir sitzen in der Straßenbahn Linie 28. Gemächlich ruckelt die "Eléctrico" über die Hügel der Altstadt, die sich steil ansteigend dem Fluss zuneigt. Auf und ab schlängelt sie sich quer durch die Höhen und Tiefen Lissabons. Und davon gibt es viele. Kein Wunder bei einer Stadt mit sieben Hügeln.

Seit fast 100 Jahren verbindet der betagte Oldtimer die Viertel Chiado im Westen mit Alfama und der romanischen Kathedrale Sé im Osten. Und bis heute zählt die Tour in den nostalgischen Holzwagen zu den schönsten Wegen, sich den vielen Bildern dieser wundervollen Stadt zu nähern. Immer mal wieder steigen wir aus der ratternden Tram aus, um die zentralen Sehenswürdigkeiten zu bewundern. Zum Beispiel am Aussichtspunkt Senhora do Monte, der einen romantischen Blick über den Tejo und das Maurenviertel Alfama erlaubt oder an der alten, mächtigen Burganlage São Jorge, die als Wahrzeichen auf dem höchsten Hügel stolz über die Stadt wacht.

Von der eher ruhigeren Oberstadt Bairro Alto steigt ein Labyrinth an engen Gassen und steilen Treppen zum Tejo nach Baixa hinab. Diese Unterstadt bildet das Geschäftsviertel Lissabons, in dem von morgens bis abends Mode- und Schmuckläden zum shoppen verführen und Straßenhändler lautstark ihre Waren feilbieten. Aus den vielen kleinen Bars entweicht das morgendliche Zischen der Espressomaschinen, begleitet vom Duft schwarzen Cafés - hier nur Bica genannt. Im Stadtteil Chiado setzen wir uns in den uralten Eisen-Fahrstuhl Elevador do Carmo, um in das oben gelegene Bairro Alto zurückzukehren.

Von gestern zu morgen
Rund zwei Millionen Touristen - die Deutschen nach den Spaniern an zweiter Stelle - besuchen pro Jahr "die Schöne", wie sie im Volksmund heißt. Mit rund 600.000 Einwohnern ist die Stadt am Tejo das unumschränkte Zentrum des Landes, eine pulsierende Metropole, die zu den ältesten Hauptstädten Europas zählt. Über Jahrhunderte spielte sie eine bedeutende Rolle als Handelszentrum und Mittelpunkt einer mächtigen Seenation. Im 15. und 16. Jahrhundert machten sich von hier aus die Entdecker auf ihre großen Reisen in die neuen Welten. Noch heute erinnern im westlichen Belém-Viertel der Torre de Belém und das Jerónimo-Kloster an diese alte Seefahrertradition.

Vor allem ist Lissabon eine der schönsten wie multikulturellsten Metropolen, die mit nostalgischem Charme verführt, ohne das Morgen aus den Augen zu verlieren. Denn wer Lissabon nur mit dem Fado, mit Schwermut und Melancholie in Verbindung setzt, ist dem modernen Lissabon gegenüber unfair. Klar hat sie heute den Blick in die Zukunft gewandt. Kräftig hat sich ein Wandel vollzogen. Und zwar im Eiltempo. Bestes Bild ist das Hafenviertel direkt am Tejo. Einst verwahrlost und Hort von Kriminalität, glänzt die stillgelegte Hafenzone jetzt in neuem Schick und angesagtem Industriecharme. In die verfallenen Lagerhäuser zogen Restaurants und Boutiquen ein, Diskotheken und Bars reihen sich zu einer langen Amüsiermeile, deren Besuch "in" ist.

Expo setzte moderne Zeichen
Vor allem die Berufung zur "Kulturhauptstadt Europas" und die Expo '98 haben die Stadt kräftig umgekrempelt. Insbesondere zur Weltausstellung erlebte Lissabon ein urbanes Erdbeben der Moderne. Unter dem Motto "Die Ozeane, ein Erbe für die Zukunft" setzte die Expo wichtige Zeichen für ein neues Gesicht. Zahlreiche Impulse haben die Bewohner aus dieser erfolgreichen Show gesogen. Davon zehrt die Stadt weiter. Viele Bauten symbolisieren heute diesen Wandel. Das durchsichtige, Segelboot ähnlich Einkaufszentrum Vasco da Gama, die futuristisch designte Bahnstation Estação do Oriente des berühmten spanischen Brückenbauers Santiago Calatrava, das trendige Hafengebiet mit seinen Bars und Restaurants, Europas größtes Aquarium "Ozeanarium" mit 15.000 Meerestieren und 250 Tierarten oder die spektakuläre 17 Kilometer lange Vasco-da-Gama-Brücke.

Alt und neu, Stile und Zeiten, Tradition und Moderne, nostalgisches Flair und futuristische Prachtbauten, all diese komponieren in dieser Stadt eine Musik, die Lissabon deutlich von anderen Metropolen unterscheidet. Trotz allem Wandel und ungeachtet von Modernität und Trends, viele Symbole bleiben ihr weiter angehaftet.

Melancholie, Sehnsucht, Fado
Ob bei einem Besuch im altehrwürdigen Fado-Tempel Café Luso oder im Museum dieses traditionellen Klageliedes, bei einem Abstecher im "A Brasileira" (Rua Garrett 12), dem Lieblingscafé des größten portugiesischen Dichters Fernando Pessoa, oder in die 1837 eröffnete Konditorei "Pastelaría de Belém" (Rua de Belém 84), die so leckere, mit Vanillepudding gefüllten Blätterteigtörtchen Pastéis de Nata bietet, überall lassen sich die alten Traditionen spüren.

Hier fühlt man diese so typisch portugiesische Melancholie, vernimmt den Fado und die Saudade, Sehnsucht und Weltschmerz. All dies zusammen macht das Lissabon des 21. Jahrhunderts aus. Und daran wird auch die EURO 2004 nichts ändern.

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     © Dominik Ruisinger