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TRIP IN DIE WOLKEN

Wer in der nordargentinischen Provinzhauptstadt Salta den 'Tren a las Nubes', den Wolkenzug, besteigt, vor dem liegt eine aufregende Tagestour quer durch die Anden bis auf eine Höhe von 4.200 Metern. 2005 feiert die Idee zu diesem Zug das 100-jährige Jubiläum.

Schnaufend setzt sich der Zug in Bewegung. Es ist kurz nach 7 Uhr in Salta, dem Ausgangspunkt des 'Tren a las Nubes'. In den gut beheizten Waggons des sogenannten Wolkenzuges herrscht noch völlige Stille. An den Fenstern huscht die dunkle Landschaft des fruchtbaren Lerma-Tals vorbei, während ein Paar bei einem verstohlenen Kuss ihre vertraute Zweisamkeit genießt. Nur die rhythmische Schienenmusik der Räder auf den altersschwachen Gleisen ist zu hören. Für die 500 Fahrgäste hat eine Zugreise ins nordwestliche Hochland Argentiniens begonnen: Eine 214 Kilometer lange Fahrt durch eine der eindrucksvollsten und nur spärlich besiedelten Landschaften des südamerikanischen Kontinents.

Schon vom dichten Morgennebel zugedeckt liegt hinter uns die Eisenbahnstation von Salta – in der Indianersprache Aymará 'die Schöne' genannt. Mit ihrer reichen kolonialen Vergangenheit, luxuriösen Herrschaftshäusern, der prunkvollen Kathedrale und dem alten Rathaus von 1626 zählt die nördliche Provinzhauptstadt zu den reizvollsten Kleinoden des Landes. Anfang des letzten Jahrhunderts stellte hier der General Martin Miguel de Güemes eine Gaucho-Elitetruppe zusammen, um gegen die Spanier die Unabhängigkeit zu erkämpfen. Heute erinnert ein Denkmal an den Nationalhelden.

Über Rosario de Lerma, benannt nach dem spanischen Eroberer Saltas, erreichen wir Campo Quijano. Vom diesem Dorf aus zeigt sich die ganze Schönheit der Anden: In der Ferne erleuchten die ersten Sonnenstrahlen die Silhouetten der Bergketten, auf denen ewig schneebedeckte Gipfel thronen: 'El Portal de Los Andes', das Tor zu den Anden. Auf dem Dorffriedhof ruhen unter einem Natursteindenkmal die Reste des nordamerikanischen Ingenieurs Ricardo Fontaine Maury, dem eigentlichen Vater des 'Tren a las Nubes', wie die Zugbegleiterin Patricia erzählt.

Eine 100-jährige Geschichte
Die Idee reicht weit zurück, die Zentralkordillere der Anden auf dem Schienenweg zu überwinden. 1905 legten zwei konservative Senatoren das Projekt, Salta mit dem chilenischen Pazifikhafen Antofagasta als Handelsweg zu verbinden, dem argentinischen Nationalkongress zur Ratifizierung vor. Unter Leitung von Maury als verantwortlichem Ingenieur wurde 1921 mit dem Bau des Monumentalwerkes begonnen. Dabei erwies es sich als äußerst schwierig, die Schienen durch das unwegsame Gelände zu schlagen.
Nachdem die Bahnstrecke unter der Präsidentschaft von Juan Domingo Perón 27 Jahre später vollendet war, wurde der Zug bis 1974 nur zu Transportzwecken genutzt, wenn auch ohne wirtschaftlichen Erfolg. Erst im September 1992 nutzte ein lokales Privatunternehmen die Gunst der Stunde, die brachliegende Strecke für den Tourismus zu öffnen. Abseits der maroden nationalen Eisenbahnanlagen wurde der Zug schnell zu einem touristisch attraktiven wie finanziell einträglichen Geschäft. Heute hat er im 45.000 Kilometer großen Eisenbahnnetz des Landes seinen festen Platz.

Von Campo Quijano schlängelt sich der Zug auf einer kurvenreichen Trasse am breiten Geröllbett des Rio Rosario entlang und überquert die Toro-Schlucht. Während einige Passagiere an ihren Getränken nippen, drücken andere unablässig auf die Auslöser ihrer Kameras oder vertreiben sich die Zeit im Speisewagen. Von der Quebrada de Río Toro, der Schlucht des Stierflusses, schraubt sich die Bahn auf Gleisschleifen spiralförmig den Berg hinauf. El Panteón taucht auf, wo eine Gruppe von Kreuzen der während der Bauzeit getöteten Arbeiter gedenken. Allmählich geht das lieblich-grüne Gesicht der fruchtbaren und blühenden Täler in ausgedörrte und karge Steppenlandschaften der Hochebene über.

Von archäologischen Fundorten und Minenzentren
Meterhohe Kandelaberkakteen säumen die Strecke, während am Wegrand Lamas und Vikunjas weiden. Auch ein Kondor, das Nationalsymbol des Landes, zieht über den Reisenden in weiten Schwingen seine Kreise. Die Stille wirkt unheimlich und angespannt - nur unterbrochen vom gleichmäßigen Rattern des Zuges. Vom Fenster aus sind kleine Steinpyramiden zu erkennen, Geschenke der Ureinwohner an ihre Erdmutter Pachamamá. Ein bedeutsamer archäologischer Fundort ist die nächste Station Santa Rosa de Tastil, tönt es auf spanisch und englisch aus den Kopfhörern. Die Ruinen erinnern an ein Indiodorf, das einst auf mysteriöse Weise verschwand.

Ein langer Tunnel blendet die Szenerie aus. Abteil für Abteil raunt internationales Gemurmel durch die Waggons. Etappe für Etappe rückt das Ziel näher. Auf der Außenplattform spürt man die Kühle der wachsenden Höhe. Immerhin befinden wir uns in Diego de Almagro bereits 3774 Metern über dem Meeresspiegel. Wenig später läuft der Zug nach 21 Tunnel und 13 Viadukten in der Minenstadt San Antonio de Los Cobres ein. 2300 Einwohner zählt die frühere Hauptstadt der Provinz Los Andes. Das Minenzentrum lebe vom reichhaltigen Blei-, Silber-, Zinn- und vor allem Kupfervorkommen, erklärt der Lokführer bei einem Besuch in der Zugmaschine. Außerdem sei der Ort für seine feinen, handgewebten Ponchos aus Lama-, Vikunja- und Alpaka-Wolle bekannt.

Ziel in 4.200 Metern Höhe
Kurz zieht er am Signalhorn, ein schriller Pfiff ertönt, Zeit zur Weiterfahrt. Schnell noch reichen Indios Wollprodukte, Tücher, Getränke und Obst durch die Fenster. Die Eisenräder setzen sich in Bewegung, während viele Indios in ihren Jeeps querfeldein zur Endstation strömen, um auch dort ihre Waren wieder anzupreisen. Hinter Mina Concordia, am Fuße des riesigen, schneebedeckten Acay (6550 Meter) erreicht die Reise kurz vor der chilenischen Grenze ihr Ziel: Viadukt La Polvorilla. 64 Meter hoch und 238 Meter weit ragt die gewaltige Eisenbahnbrücke majestätisch über die tiefe Schlucht.

Der Blutdruck pulsiert, das Herz klopft. Ganz langsam gewöhnen sich die Augen an die grelle Sonne auf 4.200 Metern Höhe. Selbst wenn die bleierne Müdigkeit in den Beinen jeden Schritt zur Qual werden lässt, kann sich niemand dem Reiz dieses Momentes entziehen. Von der dünnen Luft ermattet, schleppen wir uns auf einen kleinen Hügel, um das weite Panorama wie auch das abenteuerliche Brückenkunstwerk zu bewundern.

Wenig später ist es schon wieder Zeit, nach Salta zurückzukehren. Ein letzter Blick auf die sonnenüberflutete Talbrücke - dann hat sich der Zug wieder in Bewegung gesetzt. Im Hintergrund glühen die Berge im Abendlicht tiefrot. Während unsere Reise langsam ausklingt, verweilen die Gedanken bei diesem Abenteuer, entführt von einem Zug in eine wilde Welt aus Natur, Kultur und Wunder der Technik, wo die Zeit keine Rolle zu spielen scheint.

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     © Dominik Ruisinger