@text Netzwerk

Leistungen

D. Ruisinger

Artikelpool

Referenzen

Einblick

Dozent + Coach

Fachautor

Reisejournalist

Links

Literaturtipps

PR Beratung

Sitemap

Impressum

Anfrage

Profil
Arbeit
Angebot
Service
Kontakt

 


Google-Suche im Web


"DE MARCHA" - DIE NACHT VON MADRID

"Dos cañas y tres tintos". Endlich bin ich mit der Bestellung durchgekommen. Der Barmann nickt und reicht Sekunden später zwei Bier und drei Rotweine rüber. Vorbei an vielen Händen, die sich über den Tresen recken, dränge ich mich mühsam aus der Menge. Einen ruhigen Platz zum Stehen gibt es nicht. Die Bar ist überfüllt. Gutes Zeichen. Denn welche um diese Zeit nicht aus allen Fugen platzt, hat im Nachtleben Madrids keinen guten Ruf.

Es ist 23 Uhr, "la Marcha" hat begonnen, die Tour durch Tapa-Bars, Open-Air-Terrazas, Tanzsäle, Clubs. Jedem Besucher verschlägt es den Atem, so laut, abwechslungsreich und unersättlich ist sie. Seit der berühmten "Movida", als mit dem Tod Francos 1975 die Stadt explodierte und eine Kulturrevolution einläutete, sind Feierlust und Ausgehsucht zu Grundrechten erkoren. Und sie sind ansteckend. Jede Tour dauert lang und endet extrem spät. Oder wie viele Madrilenen sagen: Start Donnerstag Abend, Ende Montag Morgen.

Nach ein paar Canapés als Grundlage in der beliebten Taberna Dolores an der Plaza de Jesús ziehen wir durch das Huertas-Viertel. Gerade die Gegend um die Plaza Santa Ana ist für die noch junge Nacht perfekt. Unerschöpflich ist das Angebot an Kneipen und Bars: Jazz-Session im feinen Café Central (Plaza del Ángel 10), cooler Blues im Populart (Huertas 22), Sherry in La Venencia (Echegaray 7), Caipirinha in der gleichnamigen Casa, Sangría im Kellergewölbe der Cuevas de Sésamo (Prinzipe 7), wo sich jeder Poet verewigt hat.

Vorbei an der Cervecería Alemana (Plaza Santa Ana), wo einst Hemingway soff, schauen wir im Viva Madrid (Manuel Fernandez Gónzales 7) vorbei, einem schon etablierten Treff. Und da uns die valenzianischen Kacheln so gut gefallen, ziehen wir weiter ins Los Gabrieles (Echegaray 17). Und diese Bar trägt nicht umsonst den Titel der schönsten Taverne. Kein Wunder, dass die illustre Kultkneipe mit dem überquellenden Maß an Kachelbildern bereits völlig überfüllt ist.

Die Nacht folgt überall demselben Rhythmus: Bar betreten, trinken und weiter. Länger als einen Drink hält es niemand aus, geht es darum, bei den Streifzügen eine Rekordzahl an Bars aufzusuchen. Und bei geschätzten 30.000 ist die Auswahl groß. Viele Viertel scheinen nachts erst zu entstehen. Egal ob im etwas zwielichtigen Malasaña mit den lauten Kneipen und wummernden Clubs rund um die Plaza Dos de Mayo, im Schwulenzentrum Chueca oder im eleganten Salamanca mit Cocktail- und Designer-Bars. Überall ist etwas los, öffnen sich Türen zu Bars, beginnen Zonen zu leben. Das Schwierige ist nur, sich für ein Viertel zu entscheiden. Doch: "Asi es la vida madrileña" - so ist das Leben hier.

In der Zwischenzeit sind wir am eleganten Paseo de Castellana. Die Promenade mit den Open-Air-Terrassen ist fest im Nachleben verankert. Den Paseo entlang drücken sich Yuppies, junge Reiche und Schöne durch die vielen Terrazas, treffen sich im Boulevard 37, führen lässige Anzüge, enge Kleider und weite Ausschnitte spazieren. Auf den 12 Fahrspuren drum herum ein wildes Gehupe. Typisch für diese Zeit nach Mitternacht. Auch die Open-Air-Bar "Vieja Estación" (Avenida Ciudad de Barcelona) am Atocha-Bohnhof ein paar Ecken weiter ist überfüllt.

Als es 3 Uhr schlägt, ist es Club-Zeit. Wir wechseln ins Torero (Cruz 26). Im Erdgeschoss tanzt die Menge Salsa und Merengue, im Keller wummern harte House-Klänge mit Live-Einlagen. Als wir gegen 5 Uhr den "Über-30-Club" Boca del Lobo (Echegaray 11) verlassen, ist die Sonne aufgegangen. Auf den Straßen herrscht Verkehrschaos, weil Nachtbummler von einem Ort zum anderen ziehen. Noch Lust auf eine zähflüssige Schokolade in der Chocolatería San Gines (Pasadizo de San Ginés) oder einen Absacker im Space of Sound (Plaza Estación de Chamartín)? Heute nicht. Der After-Hour-Club macht so oder so erst in 7 Stunden auf - um 12 Uhr mittags. Die spinnen, die Madrilenen.

3.237 Zeichen

     © Dominik Ruisinger