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![]() ![]() ![]() ![]() IN DEN MUSENTEMPELN DER NACHTBUMMLER Die Madrider Kaffeehäuser sind seit über 100 Jahren Fixpunkte im Leben und Alltag der spanischen Metropole. Dienten sie einst als eigentliches Zuhause für die Intellektuellen des Landes, so treffen sich heute in den über 100 Jahre alten Orten Schauspieler, Politiker, Journalisten wie Touristen. Ein Streifzug durch die fünf wichtigsten Traditionshäuser der Stadt. Wer die kastilische Vier-Millionen-Metropole besucht, versteht schnell, warum selbst eingefleischte Madrileños gerne stöhnen: "Madrid me mata" - Madrid macht mich fertig. Ruhe und Gemütlichkeit sind Fremdworte. Zu schlafen scheint niemand. Doch abseits von Chaos und Kaufrausch existieren Orte der Geborgenheit, die Erinnerungen an das fast verschollene Zeitalter der Kaffeehauskultur wachrufen. Dabei begegnet man einem sehr spanischen Phänomen, das bis ins 19. Jahrhundert zurückreicht: den Tertulias. Ursprünglich verbarg sich hinter dem Begriff ein Gesprächszirkel Intellektueller aus allen Berufen und Schichten. Diese trafen sich regelmäßig in den traditionellen Cafés Madrids, um über Politik, Kultur und Literatur zu diskutieren. Meist waren dies Momente der Selbstdarstellung und des intellektuellen Scheins, der schönen Worte und des in schweren Wein getauchten Pathos', die diese "Nachtbummler mit dem schwindsüchtigen Geldbeutel" inspirierten, wie sie der spanische Literatur-Nobelpreisträger Camilo José Cela 1951 in seinem Werk 'Der Bienenkorb' liebevoll charakterisierte. Selbst wenn mit dem Verschwinden vieler alter Kaffeehäuser auch die Tertulias im Sterben inbegriffen zu sein scheinen, ist es bis heute möglich, Zeuge eines solchen illustren Gesprächskreises zu sein - auch wenn sich hinter dem Namen nur eine Buchpräsentation verbergen mag. Die Tradition hat einen Namen 1888 von dem Asturier Gumersindo García gegründet und nach seiner Heimatstadt Gijón benannt, entwickelte es sich rasch zum Treffpunkt für hiesige Literaten, Bonvivants und Stierkämpfer wie der Crème der internationalen Gesellschaft. Ava Gardner und Ernest Hemingway, der Philosoph José Ortega y Gasset und García Lorca schlürften einst in stilvoller Atmosphäre ihren Kaffee. Heute sitzen auf den roten, etwas abgenutzten Samtpolstern Schauspieler, Politiker jeder Couleur und ausländische Journalisten, um zum Genuss der exotischen schwarzen Flüssigkeit über Fußball und Stierkampf, Politik und Literatur zu philosophieren. Als 1988 zum hundertjährigen Bestehen das Gerücht aufkam, die Madrider Institution solle in einen britischen Luxusshop umgewandelt werden, erhob sich in der Öffentlichkeit ein solcher Aufschrei, dass die Pläne schnell wieder in der Schublade verschwanden. So kommt der Besucher weiterhin in den Genuss, bei einem Glas bis spät zu verharren, ob als Ausgangspunkt für nächtliche Streifzüge oder als geeignetem Platz, um das bunte Treiben auf dem Boulevard an sich vorbeifließen zu lassen. Start in die Nacht Angenehme Ruhe empfängt uns, als wir uns durch die Drehtür ins Innere des Traditionscafés 'Comercial' schlängeln. Im Gegensatz zum angrenzenden Vergnügungsviertel Malasaña mit seinen Szene-Bars und unruhigen Straßen, die bis früh in den Morgen von Leben erfüllt sind, ist hier kein lautes Wort zu vernehmen. Geräuschlos gleiten weißbefrackte Ober durch den rundum verspiegelten Raum. Leicht angegraute Herren genießen zu einer dicken Zigarre einen ersten Brandy. Am Fenster basteln zwei junge Frauen eifrig an ihren Gedichten, die sie abends in den Straßencafés zu verkaufen suchen. Es ist der ideale Ort, um in aller Ruhe Karten zu schreiben und bei Zigarettenqualm und Kaffeeduft den Hauch einer vergangenen Epoche einzufangen. Tempel der schönen Künste Lavapiés ist der Inbegriff für das andere Madrid. Bis zu ihrer Vertreibung durch die spanische Krone im Jahre 1492 wohnte hier die jüdische Bevölkerung. Heute ist es der Zufluchtsort der einfachen Leute, der Lebenskünstler wie der Hausbesetzer. Ein familiärer Kiez mit kleinen Geschäften, engen Gässchen und lauten Bars, der wie ein eigenes Dorf in einer abwesenden Stadt wirkt. Direkt an der Metrostation an der steilen Calle Ave María liegt eines der schönsten Orte: das 'Nuevo Café Barbieri'. Mit Spiegelwänden, Stuckdecken, schlanken Säulen und eisernen Marmortischen verströmt es noch heute nostalgisches Flair. 1901 als Chanson-Café eröffnet und auf den Namen des spanischen Operettenkomponisten Maestro Barbieri getauft, entwickelte es sich in den 20er Jahren zum typischen Tertulia-Lokal. Im Jahre 1981 im Stil der Belle Epoque restauriert, dient der Ort heute oft als Kulisse für Filme über das alte Madrid. Café als Mikrokosmos der Stadt Erst tief in der Nacht vergönnt das rege Publikum dem 'Barbieri' die wohlverdiente Ruhe. Dann ist der Augenblick gekommen, sich in einer einsamen Ecke von Jazz und klassischer Musik berieseln zu lassen, von den roten Samtbänken durchs Fenster zu blicken und bei einem kleinen Carajillo von der Wiederauferstehung des goldenen Zeitalters der Kaffeehäuser zu träumen. 7.048 Zeichen Auf Anfrage:
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