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JUGENDSTIL AUF KATALANISCH

Unterwegs im Gassengewirr des Barri Gòtic, im gotischen Viertel Barcelonas.

Eng, verwinkelt, undurchdringlich ist das Gassengewirr im Barri Gòtic, dem ältesten Teil von Barcelona. Dunkle Straßen, hohe Mauern, mächtige Paläste, gotische Wachtürme. Selten dringt ein Sonnenstrahl auf das Kopfsteinpflaster hinab. Hier ist Barcelona bis heute eine mittelalterliche Stadt gotischer Prägung geblieben. Vor allem rund um die Kathedrale La Seu als Renommierstück und die Plaça de Sant Jaume als politisches Zentrum - mit dem Rathaus auf der einen und dem Palast der katalanischen Regierung auf der anderen Seite.

Erst die Jahrhundertwende änderte das Stadtbild. Aus einem neuen Zeitgefühl heraus betrat der Modernisme, die katalanische Spielart des Jugendstils, die Stadt. Ihre Hauptakteure hießen Lluís Domènech i Montaner, Josep Puig i Cadafalch und vor allem Antoni Gaudí. Die Erweiterung der Altstadt eröffnete dem Dreigestirn die Möglichkeit, die Vorstellungen einer Symbiose aus Kunst und Architektur umzusetzen. Es entstand Eixample, das größte Jugendstilviertel Europas.

Am prachtvollen Boulevard Passeig de Gràcia traten die drei Meister mit ihren Stadthäusern in Wettstreit: Die Casa Lleo Morera von Domènech i Montaner, die neugotische Casa Amatller von Cadafalch und die organische Casa Batlló - eines der Meisterwerke von Gaudí, mit üppig geschwungenen Formen und zart-verspielten Säulen. Bei seinem berühmtesten Wohnhaus Casa Milà ein paar Schritte weiter hat man den Eindruck, dass der Wind die Fassade geformt und für den Gebäudenamen "La Pedrera" (Steinbruch) gesorgt hat.

Selbst das Wahrzeichen Barcelonas ist ein Gaudí-Werk. Wenn auch ein bis heute unvollendetes: Die Sagrada Familia. Von 1883 bis zu seinem Tod 1926 widmete sich der religiöse Katalane seiner "Predigt in Stein". Ob am Ende wirklich 17 Türme in den Himmel ragen und drei Fassaden Weihnachtsgeschichte, Passion und Auferstehung symbolisieren, steht in den Sternen.

Der katalanische Jugendstil spiegelt sich nicht nur in Bauten wieder. Er machte Alltagsgegenstände zu Kunstwerken - von Zapfhähnen über Theken bis hin zum Krankenhaus Hospital de la Santa Creu i Sant Pau, das Domènech i Montaner 1912 als eine Komposition aus Backstein, Keramik und Ziegeln schuf.

Insbesondere Gaudí entwickelte seinen Stil immer weiter. Unter seinen Händen wuchs Architektur heran wie Natur. Die Harmonie seiner organischen Architektur ist im Parc Güell sichtbar - heute unter Denkmalschutz der UNESCO. Den Auftrag hatte ihm sein Mäzen und Freund Eusebio Güell gegeben. Ursprünglich planten beide einen Wohnpark für die Oberschicht. Aus Geldmangel ließ Gaudí das Gelände in einen Park verwandeln. Er schuf einen Wald aus dorischen Säulen, überzog gewundene Sitzbänke und Mauern mit einem farbenprächtigen Mosaik aus Fliesen-, Glas- und Keramikstückchen, die sich harmonisch mit der Landschaft zu einer Einheit verbinden.

Übrigens fanden die Arbeiten Gaudís zu Lebzeiten nicht nur Zustimmung. Viele Kritiker zweifelten an dem komischen Vogel. Schon bei Gaudís Universitätsabschluss hatte der Schuldirektor vorausahnend gesagt: "Meine Herren, wir befinden uns hier in Anwesenheit eines Genies oder eines Verrückten." Heute weiß man: Ein Genie, das dieses Jahr 150 Jahre alt wird. Herzlichen Glückwunsch!

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     © Dominik Ruisinger