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IN VENEDIG TRINKT MAN 'SCHATTEN'

Zu Besuch in den traditionellen Weinstuben - Bàcari genannt - am Canale Grande.

Weintrinken in Maßen tut der Gesundheit gut. Zumindest ein Gläschen pro Tag. So hatten es vor vielen Jahren französische Wissenschaftler herausgefunden. Die Venezianer scheinen dieser Aufforderung gerne zu folgen. Und das schon aus langer Tradition. "Dai, andemo a bèver un'ombra", "los, lass uns ein Gläschen trinken", ist gerade um die Mittags- und Vorabendszeit in vielen Gassen zu hören. Dabei ist 'Ombra' der venezianische Begriff für ein Glas Wein, ein Gläschen, um es genau zu nehmen. Mehr als 100 ml ist der Genuss nicht groß. Und doch sollen rund 50.000 Ombre getrunken werden - pro Tag versteht sich. Bei rund 60.000 Venezianern - Kindern inklusive - eine durchaus stolze Zahl. Kein Wunder, dass viele bereits schon früh beginnen müssen. Wie morgens ab 6 Uhr bei Lele, dem weißhaarigen Besitzer der Trinkstube am Campo dei Tolentini.

Kleinste Trinkstube der Stadt
Während die Stadt noch schläft, ist Venedigs winzigste Bar bereits voll. Das heißt die sechs Stehplätze. Arbeiter im Blaumann, Kanalarbeiter von Lastenfähren, Müllmänner, deren grün-weiße Boote am Ufer auf die Weiterfahrt warten. Wenn der Kapitän wieder an Bord ist. Doch der plaudert momentan mit Lele. Daneben blättert der "Dottore" im feinen Zwirn in der rosafarbenen Gazzetta dello Sport. Später kommen die Studenten der nahen Universität.

Jeder kennt Lele. Die Eckbar ist eine Institution, ein Spiegel des Viertels. Und das seit Jahrzehnten. Das Ambiente ist schlicht. Keine Stühle, Holz verkleidete Wände, auf der Theke kleine Brötchen mit Spanferkel, Pfeffersalami, Sardellen. Darüber wirbt ein Schild für das Glas Pinot, Verduzzo, Cabernet oder Merlot ab 60 Cents. Was anderes zu trinken gibt es nicht. Nicht mal einen Bellini, diesen berühmten Sekt-Pfirsich-Aperitif, der einst von Venedig aus den Siegeszug um die Welt antrat. Typisch für alle Bàcari, wie die traditionellen Weinschänken in der Lagunenstadt heißen.

Hort der Kommunikation
Die Bàcari zählen sicherlich zu den typischsten Zutaten Venedigs. Fest sind sie im Alltag der Bewohner verwurzelt. Äußerst beliebt als geselliger Hort der Kommunikation, als soziale Zentren. Hier kehrt man mit Kollegen ein, schimpft über den Dreck in der Lagune, tratscht über die Nachbarn, erfährt von Heiratsplänen, diskutiert Sportergebnisse und schließt Freundschaften. Und trinkt dazu ein Gläschen Wein.

(...)

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     © Dominik Ruisinger