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![]() ![]() ![]() ![]() ![]() GIBELLINA ODER DIE WIEDERGEBURT EINER STADT Im Januar 1968 zerstörte ein Erdbeben 14 Orte eines Tals auf Sizilien - darunter auch Gibellina. Heute, fast 40 Jahre später, gleicht der kleine Ort im Landesinnern einem Freilichtmuseum für moderne Kunst. Zahlreiche weltweit bekannte Künstler durften hier ihre Werke realisieren. Zu Besuch in einem Dorf, das die höchste Dichte an moderner Kunst in ganz Italien aufweist. "Italien ohne Sizilien macht gar kein Bild in der Seele - hier erst ist der Schlüssel zu allem", schwärmte einst Johann Wolfgang von Goethe in seiner 'Italienischen Reise'. Heute zieht es jedes Jahr über hunderttausend Touristen auf die Stiefelspitze. Doch wer sich aus dem pulsierenden Leben Palermos ins Inselinnere aufmacht, trifft auf eine vom Fremdenverkehr fast unberührt gebliebene Landschaft. Vorbei an blühenden Bäumen, Weinreben und Obstplantagen führt diese Reise nach Gibellina. Rund 70 Kilometer von Palermo entfernt, weist die 5000-Seelen-Siedlung heute die höchste Dichte an moderner Kunst in ganz Italien auf. Dieser erstaunliche Fakt ist eng mit der seismischen Unruhe in der Gegend verbunden. Mehr als 35 Jahre sind vergangen, seitdem die letzte Naturkatastrophe dieses Gebiet erschütterte: In der Nacht zum 15. Januar 1968 zerstörte ein Erdbeben im Umkreis von 110 Kilometern vierzehn Orte des Bélice-Tals bis auf die Grundmauern. Darunter auch Gibellina: 231 Tote, 263 Verletzte und rund 150.000 Obdachlose, so lautete die Schreckensbilanz. Auch ein Polizeiwachtrupp, den man hierher geschickt hatte, die Häuser vor Plünderungen zu schützen, wurde von einem zweiten Erdstoß unter sich begraben. Die Legende besagt, dass man in ihren Stiefeln selbst geraubte Juwelen fand. In der Folge wurde das Bélice-Tal zum Inbegriff uferloser Bodenspekulation. Obwohl der italienische Staat Gelder für den sofortigen Wiederaufbau zur Verfügung gestellt hatte, passierte lange Zeit nichts. Die Bewohner hausten in provisorischen Baracken, das Vertrauen in den Staat war verloren. Dass die Hilfsgelder in den Taschen der 'Ehrenwerten Gesellschaft' und korrupter Staatsdiener versickerten, war kein Geheimnis. Erst Jahre später wurden die Orte von berühmten Architekten wie Vittorio Gregotti und Paolo Portoghesi an sicheren Plätzen in der Ebene wieder aufgebaut. Die Idee eines Open-Air-Kunstzentrums Die zeitgenössische Kunst stand hier vor einer großen Herausforderung: Die Konfrontation mit einem gesichtslosen, vom Reißbrett weg in die Landschaft gestampften Stadtprojekt, das weder kulturelle Wurzeln noch Bedürfnisse der lokalen Bevölkerung bei der Planung berücksichtigt hatte. Auch Joseph Beuys, der "Herr, der seinen Hut stets aufbehielt", wie er genannt wurde, erkannte bei seinem Besuch Mitte der 80er Jahre die Notwendigkeit, das große Schweigen der Straßen und Plätze zum Leben zu erwecken. Auf der Basis von Grundrissen englischer Gartenstädte entstand eine eigenwillige urbane Struktur. Zweistöckige Reihenhäuser mit kleineren Vorgärten, Terrassen und Grünflächen, die auf viel zu breite Straßen blicken. Zahlreiche Piazzetten, die ohne Geschäfte oder Bars erstarrt wirken. Keine Spur vom so sprichwörtlich bekannten Dolce Vita. Die Straßennamen erinnern an sizilianische Dichter, Wissenschaftler und historische Ereignisse: Die 'Portella delle Ginestra' an den Berg, auf dem einst der Bandit Salvatore Giuliano eine Gruppe militanter Kommunisten massakrierte; die 'Piazza Fasci dei Lavoratori' an die Bauernrevolutionsbewegung der sizilianischen Faschisten, die - im Unterschied zu Mussolinis Faschisten - sozialistisch gesinnt, sich gegen die Unterdrückung durch die Zentralregierung erhoben. Spaziergang zu Italiens Meisterkünstlern Das schneckenförmige 'Meeting', ein durchsichtiges Gebäude von Consagra, fungiert als Bar, Sozialzentrum und Treffpunkt. Darüber thront auf einer Anhöhe die 'Chiesa Madre', ein arabisch angehauchter Rundkuppelbau von Ludovico Quaroni. Der Architekt Francesco Venezia verarbeitete im 'Palazzo di Lorenzo' die Steinfassade des gleichnamigen Palastes aus dem alten Gibellina. Heute finden im Hof jeden Sommer Open-Air-Konzerte statt. Auch die Restauration des etwas abseits gelegenen Bauernhofs 'Case di Stefano' seiner Kollegin Marcella Aprile offenbart den gemeinsamen Ansatz, alte Gebäudefragmente mit einzubeziehen. Ambivalenz zwischen Stolz und Ablehnung Die Bewohner selbst leben damit, dass ihrem Kunstdorf große Aufmerksamkeit entgegengebracht wird. Mit einem gewissen Stolz weisen sie auf die abstrakten Skulpturen und Monumente hin. Gleichzeitig haben sie es nicht vergessen, dass sie bei der Planung ihrer eigenen Stadt nie im Mittelpunkt gestanden haben. Für die vorwiegend bäuerliche Bevölkerung bleibt ihre Siedlung damit eine fremde Welt in einer neuen Zeit, die mehr einer autogerechten Schlafstadt als einem gewachsenen Dorf gleicht. Daran können die dekorativen Bauten europäischer Stararchitekten mit ihren Wendeltreppen, Arkaden und Glaserkern nichts ändern. Dass die moderne Kunststadt nicht auf ungeteilte Gegenliebe der Bewohner stieß, zeigte sich nicht nur daran, dass Mitgründer Corrao 1995 als Bürgermeister abgewählt wurde. Protestaktionen gipfelten immer wieder in der Demontage von Objekten. "Einige dieser sogenannten Kunstwerke würde ich am liebsten abreißen. Sie verschandeln doch die Landschaft", beschwert sich Cristina, die einen kleinen Laden führt. "Aber", so schränkt sie augenzwinkernd ein, "ziehen sie immerhin viele Besucher an". Andererseits macht eine Fahrt in die ebenfalls neu entstandenen tristen, aus dem Boden gestampften Containerdörfer Montevago und Salaparuta die Wohnlichkeit Gibellinas deutlich. Mausoleum als Theaterbühne Einen Großteil des alten, bis auf die Grundmauern zerstörten Bergdorfes in ein riesiges Trümmergrab, das 'Cretto', umwandeln zu lassen, ist das faszinierendste Projekt des ehrgeizigen Corrao. Auf einem Areal von 300 auf 400 Metern ließ der umbrische Maler Alberto Burri Straßen und Häuserreste weiträumig mit einem 'Leichentuch', einer weißen Zementkuppe, überziehen. Schon von weitem ist dieses beeindruckende Mahnmal zu sehen, das eher einer in Stein gehauenen Landschaft als einer Skulptur gleicht. Stach der weißgetünchte Zementanstrich einst strahlend aus der Landschaft, so hat er sich heute in seinem über die Jahre verwitterten Farbton dem Berghang angepasst. Fast den gesamten Bergrücken umfasst dieses Relief immensen Ausmaßes. Die gewundenen Spalten zeichnen die Straßentrassen des früheren mittelalterlichen und bäuerlichen Zentrums nach. Jeder Besucher kann zwischen 1 Meter 60 hohen Kanälen dieses Labyrinth der Erinnerungen durchwandern, um Straße für Straße eine vergessene Zeit wach werden zu lassen. Ein eindrucksvolles Symbol der Begegnung mit der Vergangenheit, dessen Suggestivkraft zum Nachdenken inspiriert. Vor diesem Mausoleum als bizarre Kulisse findet jeden Sommer das Theaterfestival 'Orestiadi di Gibellina' statt. Finanziert mit privaten Sponsorengeldern und öffentlichen Zuschüssen, werden dazu Regisseure mit einer Inszenierung der 'Orestie' von Aischylos eingeladen. Vor dem Hintergrund lodernder Fackeln und Petroleumlampen lassen die nächtlichen Inszenierungen eine faszinierende wie schaurige Stimmung aufkommen, ist der Tod auf dieser ewigen Grabstätte allgegenwärtig. Auch wenn das Festival bereits mehr als 20mal stattfand und in der Vergangenheit die international renommiertesten Protagonisten wie Ariane Mnouchkine, Robert Wilson und Peter Stein hier arbeiteten, ist es noch nicht weit über die italienischen Grenzen hinaus bekannt. Metamorphose aus Gartenstadt und Kunst-Spektakel Ob das Ziel, eine Stadt auf Kunst zu bauen, erreicht worden ist, lässt sich schwer beurteilen. Bis heute erscheint das Projekt wie eine theatrale Illusion, eine Filmkulisse. Noch immer wirkt Gibellina wie die Metamorphose aus Gartenstadt und Avantgarde-Kunstshow. Daher ist abzuwarten, ob Kunst als Struktur und Werkzeug dienen kann, dem Ort neue Lebensqualität zu verleihen. Fakt ist, dass der heutige Ort in Italien ein Wallfahrtsort für Kunstinteressierte geworden ist, der von überall her Menschen anzieht. Die künstlerische Avantgarde hat somit einen Ansatz gelegt, dem Dorf eine Identität zu verleihen. Doch die Frage bleibt, ob man hier gegen jegliche Traditionen eine künstliche Stadt baute, die als Forum und Übungsplatz für eine Reihe arrivierter Architekten und Designer, als Experiment und Provokation zugleich weiter vor sich hin dämmert. So kann erst die ferne Zukunft zeigen, ob die Bauvorhaben dazu beitragen, diesen spannenden Kunstort auch zu einer Heimat für seine Bewohner zu machen und sich diese mit der künstlich-künstlerischen Inszenierung auch arrangieren können. 10.804 Zeichen Auf Anfrage:
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