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DIE OASEN DER EWIGEN STADT

Die historischen Friedhöfe Roms gehören zu den Schmuckstücken der Stadt am Tiber. Ob Campo Verano, Cimitero Acattolico, Campo Santo Teutonico oder L'Antico Cimitero dei Frati Francescani Cappuccini - die bei den Römern äußerst beliebten Orte sind auch für jeden Besucher Stätten der Ruhe, der architektonischen Pracht, der Begräbniskultur und der Begegnung mit einst politischen wie kulturellen Größen, die hier begraben sind. Ein Spaziergang.

Nebelschwaden hängen über den Gräbern. In Umrissen ist ein älteres Paar zu erahnen, verharrend im stillen Gebet. Schweigend steht es an einem von Blumensträußen gesäumten Grab. "Schwester, Unvergleichliche, Unvergessliche, Geliebte - alle werden wir uns an Dich erinnern - ruhe in Frieden" ist auf der Steinplatte zu lesen. Anteilnahme erfüllt den Betrachter dieses andächtigen Bildes an einem ganz normalen Morgen auf dem Cimitero Campo Verano, dem berühmtesten Friedhof Roms.

Ruhe umgibt diese idyllische Oase, abseits von Chaos und Gestank des morgendlichen Berufsverkehrs. Besinnlich lässt man sich treiben, beeindruckt von der steinernen Pracht römischer Begräbniskultur, von maurischen Palästen und Kirchen als Edelgrabstätten. Frische Gräber, mit brennenden Kerzen und Blumenkränzen geschmückt, zieren einem Staatsbegräbnis würdig den Weg. Hier und dort eine einzelne Rose, sowohl in Erinnerung an frisch Verblichene als auch an zurückliegende Zeiten. Eine herumstreunende Katze leckt sich in der Sonne das Fell. Ansonsten regt sich nichts an diesem Ort der Toten.

Ort der Erzähler und der Prominente
Leicht ist zu erkennen, warum die Friedhöfe zu den Schmuckstücken der Stadt gehören, in der man, wie Goethe schrieb, "das Bedeutende nicht suchen muss, da alles reizvoll ist". Es ist die Gestaltung der Anlagen, der kulturhistorische Wert und die Schönheit der Grabstätten, die den Reiz ausmachen, ideal für jeden vom Sightseeing ermüdeten Rom-Besucher.

Jedes Grab erzählt eine kleine Geschichte, mal tragisch, mal rätselhaft, mal verträumt. Von untröstlichen Frauen, festlich gekleideten Kindern und Engeln, über deren Marmoraugen der Regen wie Tränen läuft. Momente, die auch der Feder der römischen Erzähler entlockt sein könnten, spielt das Thema Tod eine zentrale Rolle - ob in Film oder Literatur. Erinnerungen werden wach, wie liebevoll zum Beispiel Alberto Moravia in seinen 'Römischen Erzählungen' einen Witwer beschrieb, der bei jedem Besuch auf dem Friedhof mit dem Taschentuch den Grabstein seiner Liebsten von welkem Laub und Blütenblättern säuberte.

Der Mittelpunkt dieser Friedhofsgeschichten war schon immer der Campo Verano, der nahe einer der sieben Pilgerkirchen Roms, S. Lorenzo fuori le Mura, liegt. Sein weiträumig angelegter Innenraum verbirgt sich hinter dem von Arkaden umrahmten Eingangstor, die in ihren Nischen riesige Gräber beherbergen. Ebene für Ebene schraubt sich das Marmorherz der Stadt die Seitenhänge hinauf. Palmen vermitteln im Wechsel mit Zypressen das Bild eines gepflegten Gartens.

Über den Umgang mit dem Tod
Ein boulevardartiges Straßennetz durchpflügt das immense Areal, damit die Besucher auch per Auto zu den Gräbern gelangen. Dem italienischen Revolutionshelden Giuseppe Garibaldi oder dem großen Komponisten Gioacchino Rossini kann ein Besuch abgestattet werden. Doch es ist weniger ihre Berühmtheit, aus die der Verano seinen wahren Reiz zieht. Vielmehr ist es die Anlage als Gesamtkunstwerk in ihrer Mischung aus Kitsch und Pathos, bei der die Zeit in Vergessenheit gerät.

Vieles lässt sich über den Umgang der Italiener mit dem Tod lernen. Es ist offensichtlich, dass mit dem Lebensende die Unterschiede zwischen sozialen Schichten nicht verschwinden, sondern eher deutlicher werden. Die pompösen Gruften und Mausoleen also für die Reichen, die unauffälligen Grabnischen und Kollektivgräber für die Armen. Dem Normalbürger ein enger Verschlag, dem Wohlhabenden ein Marmortempel als protzige Luxusresidenz, von Gips- und Marmorengeln umrahmt. Zum Teil fungierten die monströsen Gräber als Wertanlage. Dabei kam es nicht selten vor, dass verarmte Familien ihre Ruhestätte verkaufen mussten, um das eigene Überleben zu sichern.

Niemand konnte die bizarre Mischung römischer Friedhofsrituale eindringlicher einfangen als Federico Fellini. Er liebte es, über Friedhöfe zu spazieren. Und für ihn war der Campo Verano der wirkliche Friedhof Roms: "In Verano begraben zu wer-den, ist für die Römer eine Frage wie im Zentrum zu wohnen; dort ist man unter Freunden, die Gräber sind solide, und hier kommen dich auch die Verwandten leichter besuchen." Unvergesslich auch die Szene des Oboisten in Fellinis letztem Film 'Die Stimme des Mondes', der sich in einer engen Grabnische hockend von seiner Frau das Essen servieren lässt.

Hundert Jahre lang nahm der Campo Verano die Toten der ewigen Stadt auf, bevor er Anfang der 90er Jahre wegen Überfüllung geschlossen wurde. Heute befindet sich die Heimat der Verstorbenen auf dem modernen und eher hässlichen Zentralfriedhof Flaminio im Norden Roms nahe der Prima Porta. Der Treue der Römer zu ihren Toten hat dies keinen Abbruch getan. Weiterhin sorgen Autoschlangen jeden Sonntag für viel Verkehr. Besonders am ersten November, dem Tag der Toten. Dann scheint halb Rom seiner Verblichenen mit Wein und Blumen die Ehre zu erweisen.

Nachbarn des Papstes
Mitten im Vatikan hat der Campo Santo Teutonico seine geruhsame Heimat gefunden. Trotz zentraler Lage verirren sich wenige Besucher an diesem ruhigen Kleinod. Schon am Glockenportal Arco delle Campane links vom Eingang des Petersdoms wartet eine Überraschung: Nur Besucher, die aus einem deutschsprachigen Land stammen, dürfen die Schweizer Garde passieren. Und wenn es nach ihm ginge, so ein Gardist, dürfte niemand den Friedhof besichtigen: "Was soll es dort schon Interessantes geben?"

Zur römischen Kaiserzeit befand sich auf dem Gelände des heutigen deutschen Friedhofs der Schauplatz christlicher Martyrien, Neros Zirkus. Doch das ist lange her. Durch das schmiedeeiserne Gitter gelangt man auf die Anlage, eingebettet zwischen altehrwürdigen Gemäuern. Keine pompösen Grabmausoleen sind erkennbar. Im Gegenteil: Kleine Gräber, zierliche Marmorstatuen, ein Holzkreuz. Ein Majolikabild weist auf den Gründer hin: Karl den Großen.

Mit dem Zustrom vieler Pilger zum Heiligen Jahr 1450 begann die Blütezeit des 'Heiligen Feldes', das heute im Besitz einer Erzbruderschaft ist. Seither hat die Lage den Campo Santo zu einem begehrten Begräbnisplatz gemacht. Laut Statuten besitzen nur Mitglieder der Erzbruderschaft sowie Angehörige von Ordenshäusern und Institutionen deutschsprachigen Ursprungs das Begräbnisrecht. Doch auch in Rom lebende Persönlichkeiten aus Kunst und Politik, wie der Mäzen Prinz Georg von Bayern oder der Schriftsteller Stefan Andres, haben hier ihren letzten Ruheort gefunden.

Im Beinhaus unter der Via Veneto
Ein leichtes Schauern überkommt beim Besuch einer ganz anderen Art von Grabstätte: Direkt an der berühmten Via Veneto, wo einst Fellinis 'Dolce Vita' pulsierte, liegt ein wohlgeordnetes Beinhaus mit Namen L'Antico Cimitero dei Frati Francescani Cappuccini. Wer einen freiwilligen Obolus in die offene Hand des Mönches legt, dem wird Einlass in die Grabkammer der Unterkirche von S. Maria della Concezione gewährt. In diesem "Altar der Knochen" herrscht eine außergewöhnliche Atmosphäre. Hier befindet sich die letzte Ruhestätte der Gebeine von viertausend Kapuzinermönchen, die zwischen 1525 und 1870 in Rom gestorben waren. Im Jahre 1631 hatten spanische Glaubensgenossen die Wände mit den exhumierten Überresten ihrer Brüder mosaikartig drapiert, um das Andenken an sie zu wahren.

"Der Tod ist nicht das Ende, sondern der Tagesanbruch des Lebens" ermutigt die Krypta der Auferstehung. Ein langer Gang führt an den sechs Sälen vorbei. Decken und Wände sind mit Gebeinen, Wirbeln und Knochen in Stern-, Spinnen- und Blumenform verziert. Schon im ersten Raum begegnet man dem Stifter dieses Unikums, Papst Urban VIII. Die fast unversehrten Skelette dreier Neffen dieses Mitglieds der fürstlichen Familie der Barberini 'schmücken' den Raum.

Inmitten der Friedhofskapelle im zweiten Raum erinnert eine Gedenkplatte an die Soldaten des Papstheeres, die 1870 an der Porta Pia in Treue zum Oberhaupt der katholischen Kirche fielen. Überall zieren mit Akribie angerichtete Knochen das höhlenartige Grabgewölbe in dieser unwirklichen Szenerie. Aus Ober- und Unterschenkelknochen angefertigte Kronleuchter und gestapelte Totenschädel bestimmen die Innenausstattung des ornamentalen Todesreigens. Ein paar frische Blumen sind das Einzige, was der Kapuzinergruft Leben einhaucht.

Stumme Zeugen der Geschichte
Als Friedhof der Dichter und Denker, Künstler und Wissenschaftler ist der Protestantische Friedhof alias Cimitero Acattolico an der Porta San Paolo in die Geschichte eingegangen. "Resurrectis" - Denen, die auferstehen werden - verkündet die Inschrift über dem Eingangsportal an der Via Caio Cestio im Ex-Arbeiterviertel Testaccio. Rund 40.000 Rom-Bewohner aus aller Welt - in der Mehrzahl Deutsche, Engländer, Russen, Skandinavier - haben im Schutz der aurelianischen Stadtmauer Frieden gefunden. Darunter auch Orthodoxe und Katholiken, sodass der Friedhofsname etwas irreführend ist.

Ruhestätten bekannter Persönlichkeiten machen die Attraktion des ältesten Friedhofsabschnittes, der Parte Antica, aus. Ein einfacher Stein mit der namenlosen Aufschrift "Here lies one whose name was writ in water" erinnert an den jung der Schwindsucht erlegenen englischen Romantiker John Keats. Auch der Wunsch von seinem Dichterkollegen Percy Bysshe Shelley, dessen Körper 1822 in Viareggio ans Ufer gespült wurde, ist in Erfüllung gegangen: "Man könnte sich in den Tod verlieben, wenn man an einem solchen Ort begraben wird."

Neben vielen Nationalgrabmälern und den sterblichen Überresten von Gottfried Semper, dem Architekten der Dresdner Oper, hat auch das rosengeschmückte Grab mit der Asche des Mitgründers der Kommunistischen Partei Italiens, Antonio Gramsci, eine Heimat gefunden. 1957 nahm Pier Paolo Pasolini im Poem "Gramscis Asche" Abschied von der großen Symbolfigur der italienischen Linken, die den Folgen faschi-stischer Haft erlag: "Zwischen Hoffnung und altem Zweifel tret' ich zu dir, durch Zufall in diesen mageren Garten geführt, an dein Grab, deinen Geist, der hier unter Freigeistern ruht."

Goethes unerfüllter Traum
Auch auf deutsche Intellektuelle übte der Friedhof an der Cestius-Pyramide - im Jahre 16 vor Christus als Mausoleum für den größenwahnsinnigen Tribun Caius Cestius Epulo erbaut - stets eine große Anziehungskraft aus. Goethe stattete ihm während seines Romaufenthaltes 1787 mehrere Besuche ab. In den "Römischen Elegien" drückte er den Wunsch aus, hier bestattet zu werden. Als sein Sohn Julius August Goethe 1830 in Rom starb, ließ er auf dem Grab eine Inschrift anbringen, die diesem nicht mal seinen Namen ließ: "Goethe filius, patri antevertens obiit", Sohn Goethes, der dem Vater vorausging.

Die ersten Beerdigungen hatten noch unter merkwürdigen Umständen stattgefunden. Da zu Zeiten des Kirchenstaates keine Nicht-Katholiken bei Tageslicht beigesetzt werden durften, wurden Tote nachts bei Fackelschein und unter Polizeischutz beerdigt. Auch die Errichtung von Kreuzen über den Gräbern war strikt verboten. Erst die italienische Einigung im Jahre 1870 bedeutete das Ende jeglicher Art von Zensur.

Als dann Gräber durch Gäste der Vergnügungsregion Testaccio geschändet wurden, umgab man den Ort Anfang des 19. Jahrhunderts zum Teil mit einem Graben, der als "Fossa dei Cani" - als Ort für tote Hunde - wenig rühmlich in die Geschichte eingegangen ist. Heute befindet sich hier das Spielgelände der größten Katzenkolonie Roms. Nicht nur den Graben, wo sie gefüttert und gepflegt werden, sondern auch den Friedhof selbst haben sie zu ihrem wilden Reich erkoren.

Das familiäre Gesicht des Todes
Von einem Gefühl feierlicher Stille erfüllt, findet jeder in diesem verwunschenen Paradies Zuflucht vor dem ruhelosen Tagesgedränge. Ein Duft nach Lorbeer und Oleander ersetzt die Großstadt, die hinter den Mauern draußen bleiben muss. Stumme Zeugen der Vergangenheit ruhen hier, Seite an Seite. Monumente wie einfache Grabmäler zeugen von der Geschichte der Armen wie der Reichen, der Namenslosen wie der Berühmtheiten. Bei ihrem Anblick kommen einem die Worte Fellinis wieder in den Sinn, der einst über das Lebensende schrieb: "Der Tod hat in Rom ein sehr familiäres Gesicht. Das familiäre Gesicht eines Verwandten. Bestimmte Römer sagen zuweilen: 'Ich gehe Papa oder den Onkel besuchen', und dann entdeckt man, dass sie auf den Friedhof gehen."

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     © Dominik Ruisinger