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DIE INSEL DER 1000 FARBEN

Insel der 1000 Farben, Gefängnisinsel, Taucherparadies, Heimat der Fischer, Ort des Postboten: Nur 20 Minuten Bootsfahrt von Neapel entfernt liegt Prócida. Im Unterschied zu den berühmten Schwestern Ischia und Capri blieb die kleine Vulkaninsel bis heute vom Massentourismus verschont. Dabei gehört Prócida zu den schönsten Ausflügen, um der Großstadt für ein paar Tage zu entkommen. Diese Reportage begibt sich auf die Suche nach den Geheimnissen und Reizen der unscheinbaren Insel.

"Niemals, außer bei mir in Prócida, habe ich eine so überwältigende Stille erlebt. Es schien, als läge da draußen nicht mehr das Dorf mit seinen Bewohnern, sondern eine große verlassene Bucht an einem reglosen Meer." So beschrieb die große italienische Schriftstellerin Elsa Morante 1957 den Schauplatz ihres Romans 'Arturos Insel'. Und daran hat sich bis heute wenig geändert. Noch immer ist es die Ruhe und die seit Jahrzehnten gleichschlagende innere Uhr der zehntausend Inselbewohner, die den unverfälschten Charme dieser kleinsten Insel im Golf von Neapel ausmachen.

Selbst wenn täglich Tragflügelboote zwischen der Millionenmetropole Neapel und der Insel pendeln, konnte sich das knapp vier Quadratkilometer große Eiland dem Touristenansturm weitgehend entziehen: Keine Boutiquen und elegante Yachten, keine mondänen Hotelresidenzen und heilende Thermalquellen, nur wenige Hotels. Prócida blieb bis heute die kleine Vulkaninsel - mit pastellfarbenen Häusern, kleinen Fischerdörfern und wilder Macchia.

Gemächlicher Tagesrhythmus
Ihre innere Uhr gibt der Insel einen langsamen Rhythmus vor. Eher gemütlich spielt sich das Leben ab. Dies spürt jeder Neuankömmling. An der Spitze der Mole sitzen morgens die Angler. Die glimmende Zigarette zwischen den Lippen starren sie auf das Wasser. Vor ihnen tanzen einige bunte Fischerboote auf den seichten Wellen. Die meisten Boote sind um diese Zeit draußen auf See. Erst gegen Nachmittag werden sie ihren Fang an Pesce Spadole, Gambas, Sardinen, Tintenfische an Land bringen. An der breiten Hafenpromenade faucht in der Bar dal Cavaliere die Kaffeemaschine. Fast jeder im Ort scheint kurz reinzuschauen – ob auf einen Caffè, eine der leckeren Blätterteigtaschen „Sfogliatelle“ oder einen kurzen Schwatz mit dem Barista.

Marina Grande bzw. Porto, wie der Hauptort auch genannt wird, ist eine Ansammlung an älteren Gebäuden, die - wie Elsa Morante schrieb - "in den schönen Farben der Muscheln rosa und aschgrau getönt sind". Die Häuser sind flach und ineinander verschachtelt, die Gässchen eng, die Treppen steil, die Hinterhöfe klein. Immer wieder führt der Weg durch die vielen runden Tor- und Straßendurchgänge, die für die Insel so typisch sind. Verglichen mit der Sauberkeit Capris zeigt Prócida eine etwas bröckelte, aber charmante Pracht, der auch der berühmte amerikanische Künstler Cy Twombly erlag. Seitdem lässt er sich von der wilden Unberührtheit dieser Insel inspirieren.

Prócida lebt heute vom Fischfang und der Landwirtschaft. Der Tourismus spielt im Unterschied zu Capri und Ischia nur eine untergeordnete Rolle. Der Verkehr ist auf die Autos der Bewohner beschränkt. Ansonsten sind knatternde Vespas, Busse, dreirädrige Microtaxis und die eigenen Beine die einzigen Fortbewegungsmittel. Angesichts der kurzen Wege auf der kleinen Insel kein Problem. Zudem fehlt Prócida die klassische Piazza als Treffpunkt. Kein Vergleich also mit der berühmten Piazza auf Capri, diesem "Umschlagplatz des Geschwätzes und Klatsches mit ihren zu jeder Tagesstunde überfüllten Cafés", so der Schriftsteller Mario Soldati, "wo zu jeder Stunde Männer wie Frauen halbnackt, mit schwarzen Brillen vor den Augen, mit trägen, langsamen Bewegungen eisgekühlte Getränke schlürften".

Aus dem Meer ausgebrochen
Prócida, dessen Name vom griechischen 'Prochyo' – "aus dem Meer ausgebrochen" – stammt, blickt auf eine jahrhundertealte Seefahrertradition zurück. Bis heute haben sich die Bewohner ihren Ruf als Fischer und Seefahrer bewahrt. Das beste Bild vermittelt das reizvollste Dorf der Insel: Corricella. Strichen die Fischer ihre Häuser einst in den Farben ihrer Boote, gleicht der Ort heute einem Konglomerat an weißen, beigen, rosaroten und blauen Gebäuden. Eng aneinander geschmiegte Häuser an steilen Tufffelsen, darunter der Hafen, in dem die Boote hin- und herdümpeln. Kein Wunder also, dass Prócida den Titel 'Insel der tausend Farben' trägt.

Über steile Treppengassen schlängelt sich der Fußweg zwischen den Häusern hindurch bis zum Hafen. Am Kai werden Boote ausgebessert und Netze geflickt, gesäubert und für die bevorstehende Nacht aufgerollt. Bei einer kalten, frisch ausgepressten Zitrone treffen wir auf 'den Postboten'. Das heißt, in Fotoform. Wurde einst hier 'Il Postino' mit Philippe Noiret und Massimo Troisi gedreht, erinnern heute Postkarten und Bilder an die Filmarbeiten. Dass die Geschichte vom flinken Postboten nicht ganz der Realität entspricht, beklagt dagegen die Inselzeitung 'Prócida Oggi': Heute würden Sendungen auf Prócida im Zeitlupentempo verteilt, da Postboten einer Klasse von 'Il Postino' leider nicht mehr existierten.

Oberhalb des Fischerdorfes führt eine kopfsteingepflasterte Straße durch die Porta Romanica in das alte Gebiet der Terra Murata, das gemauerte Land. 91 Meter hoch ragt die mittelalterliche Festung und verleiht der Insel ein unverwechselbares Bild. Von den Schiffen, die auf offener See vorüberfahren, erscheint die Insel so oft wie eine Festung im Meer. Auf dem höchsten Punkt thront die Abbazia San Michele Arcangelo. Von der Terrasse bietet sich ein wundervoller Ausblick auf die Ruinen der Festung, die einst bewohnten Gebäude der Terra Murata. Steil fallen die Felsen in die Tiefe: der Golf von Neapel zu Füßen, die Metropole selbst im fernen Hintergrund.

Der Duft von Zitronen und Orangen
Außerhalb der winzigen Ortskerne führt der Weg sofort in die völlige Einsamkeit. Vereinzelte Siedlungen und Gehöfte – ansonsten nur Vegetation. Auf den reichhaltigen Vulkanböden und im mediterranen Klima gedeihen subtropische Früchte und Blumen in Hülle und Fülle. Unzählige Zitrushaine beliefern das Land mit den angeblich besten Zitronen und erfüllen im Frühjahr die Luft mit dem Duft der Orangenblüte. Einsame Pfade führen vorbei an Kakteenwäldern, Grapefruitbäumen und Weinbergen, auch wenn der begrenzte Anbau nur für den Eigengebrauch reicht.

Nur vier Kilometer sind es bis zur anderen Inselseite. Der Weg fällt zum Meer leicht ab: Chiaiolella kommt in den Blick - mit Ischia im Hintergrund. Im Unterschied zum verfallenen Norden zeigt der Süden ein anderes Bild: Ein feiner Ort mit kleinem Yachthafen, die Häuser frisch gestrichen in rosaroten und orangen Farbtönen sowie mit grünen und blauen Türen und Fensterläden. Mit den schönsten Sandstränden der Insel und Restaurants entlang der Promenade ist Chiaiolella ein beliebter Badeort. Wer hier am Abend auf die im Meer versinkende Sonne blickt, wird verstehen, warum die Tage in Prócida die perfekte Ergänzung zu einem Aufenthalt im pulsierenden Neapel oder den im Sommer 'überschwemmten' Capri und Ischia sind.

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     © Dominik Ruisinger