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AUFBRUCH IN NEAPEL

Nach Jahrzehnten der Negativschlagzeilen glänzt Neapel heute in einem veränderten Licht: Neue Kulturinstitutionen, restaurierte Paläste, antike Schätze, kulinarische Genüsse und ein pulsierendes Leben machen die italienische Millionenmetropole zu einem der schönsten Ziele des Südens – und nicht nur als Sprungbrett zu den Inseln Capri und Ischia.

"Wenn ich an meine Beziehung zu Neapel denke, scheint es mir, dass ich diese nur in Bildern ausdrücken kann." Bilder, wie es so der bedeutende süditalienische Essayist Rafaele La Capria schreibt, werden jedem Neapel-Besucher durch den Kopf schießen. Spätestens wenn er erstmals einen Blick vom Hausberg, dem Monte Vomero, auf die 2-Millionenmetropole wirft: Einem Postkartenpanorama gleich liegt ihm die lebhafte Stadt zu Füßen. Im Vordergrund die antike Altstadt mit der langgezogenen Bucht und dem Hafen am Golf, von wo die Fähren gen Capri, Ischia und Prócida ablegen. Dahinter der mächtige Vesuv, der bei klarer Sicht greifbar nah erscheint.

Als wir in das quirlige Altstadtherz Spaccanapoli hinabsteigen, sind die dicht besiedelten Gassen fast schwarz vor Menschen. Kleine Läden, die für Büffelkäse und Taralli, salzige Mürbeteigkringel, werben, säumen die Hauptadern Via dei Tribunali und Via San Biagio. Knatternde Vespas drängen sich durch die verstopften Straßen. Am Rand bieten ältere Frauen Schmuggelzigaretten und Taschentücher feil. Auf Holzkarren und Autodächern türmen sich Zitrusfrüchte und Blumen, über den Köpfen weht frische Wäsche sacht im Winde. Die Luft ist durchdrungen von Düften und Geräuschen des Alltags, die durch geöffnete Türen wehen.

Der Protagonist des Aufschwungs
Jahrelang hatte kaum ein Besucher den Fuß in die Stadt gesetzt. Neapel galt als Brutstätte von Korruption, Kriminalität und Schattenwirtschaft. Touristen nutzten höchstens den Hafen als Sprungbrett zu den Inseln Capri und Ischia. Doch wer heute durch die Heimat von Sofia Loren, Totò, des Bluessängers Pino Daniele oder der einstigen Stimme Italiens, Enrico Caruso, schlendert, dem wird deutlich, dass sich in den vergangenen Jahren viel verändert hat. Eine Aufbruchstimmung liegt in der Luft.

In der für die Krippenbauer berühmtem Via San Gregorio Armeno treffe ich auf den Protagonisten dieses Wandels - wenn auch nur als Tonfigur: Antonio Bassolino. Dem seit 1993 amtierenden Bürgermeister haben die Menschen viel zu verdanken. Engagiert ließ der linke Politiker Paläste sanieren, Fassaden restaurieren, autofreie Zonen einrichten, Kultureinrichtungen eröffnen und Kunstschätze aus den vergangenen Jahrhunderten sichtbar machen. Seitdem wird er geliebt und verehrt wie sonst nur der Stadtheilige San Gennaro, dessen verflüssigtes Blut die Bewohner zweimal im Jahr in den Dom zieht.

"Eine Sinfonie der Stimmen"
Neapel ist aus der Umklammerung aufgewacht. Schritt für Schritt hat die Stadt ihr Camorra-Image abgelegt, hat sich zu einer der lebendigsten und aufregendsten Städte des Südens entwickelt. Viele Besucher kommen wieder, um in die Einkaufsstraßen, Galerien und zahllosen antiken Schätze einzutauchen oder einfach das pulsierende Leben einer Stadt zu genießen, die scheinbar nie aufhört zu atmen.

Das heutige Neapel ist aufregend, lebendig und voller Stimmen und Laute. Wie zum Beispiel mitten in der Altstadt an der schönen Piazza San Domenico, die eine Geräuschkulisse umgibt, die der nahe Neapel lebende Komponist Hans Werner Henze einst als eine Sinfonie schilderte: "mit fantasievollen Modulationen, heißblütig, streichelnd, sehnsüchtige Schauer des Lebens, der Zeiten". Daran wird sich an diesem Platz bis tief in den frühen Morgen nichts ändern. Die Jugend hat den stimmungsvollen Ort zum Treff auserkoren, um bei Dosenbier und Joints die Nacht durchzuplaudern, während sich Künstler und Musiker eher in den Bars rund um die Piazza Bellini einfinden.

Am südlichen Rand der Piazza San Domenico liegt das beliebte Café Scaturchio – ein wahrer Tempel neapolitanischer Konditorkunst. Eine seiner Spezialitäten: Babà, ein süßes Gebäck, wahlweise mit Creme oder in Limoncello getunkt serviert. Wenige Meter weiter in der Second-Hand Bücherstraße Port D'Alba laden Antica Pizzeria und Pizzeria Bellini zur eigentlichen kulinarischen Erfindung der Stadt ein: zu einer Pizza. Denn ob Margherita oder Marinara, von Neapel aus soll der berühmte Teigfladen im Jahre 1889 seinen weltweiten Triumphzug angetreten sein.

Die Spuren der Fremdherrscher
Gerade die kontinuierliche Verbindung zwischen früher und heute, zwischen Tradition und Gegenwart bestimmt das Leben der Stadt. Dabei blickt Neapolis – neue Stadt, wie sie griechische Siedler einst tauften - auf eine fast 3000jährige Geschichte zurück. Seitdem wurde die Stadt intensiv von zahlreichen Fremdherrschern geprägt. "Egal ob Römer, Normannen oder Bourbonen, alle kamen und gingen und hinterließen ihre sichtbaren Spuren", erzählt Lucio Cimmino, der graumelierte Chef des Restaurants 'La Botte' mit gewissem Stolz in der Stimme. So bietet auch das Straßenbild einen Architektur-Mix: Von der Barockkirche Gesù Nuovo bis zu Renaissance-Palazzi und dem Rokokokloster von Santa Clara, hinter dem ein verwunschener Kreuzgang mit wunderschönen Majolika-Kacheln Ruhe vor der hektischen Metropole bietet.

Hinter dem berühmten Opernhaus Teatro San Carlo und der Glas überdachten Shopping-Mall Galleria Umberto verbirgt sich das andere Gesicht der Stadt: das reiche Neapel. Alle wichtigen Modeschöpfer haben entlang der schicken Einkaufsmeile Via Chiaia ihre elegante Heimat gefunden: Gucci, Giorgio Armani, Calvin Klein und noch viele mehr. Und es lohnt sich hier einzukaufen: Die Preise liegen (noch) deutlich unter denen anderer italienischer Großstädte.

'Also sprach Bellavista'
Am Kopf der Via Chiaia liegt das berühmteste Kaffeehaus der Stadt: Gambrinus. Wer im stuckverzierten Belle-Epoque-Saal aufblickt, wird an Nachbartischen auch Menschen antreffen, die "nicht nur Kaffee trinken", wie sie Luciano de Crescenzo in seinem Bestseller 'Also sprach Bellavista' charakterisiert, "sondern das Bedürfnis haben, in Kontakt mit der Menschheit zu treten".

An der Hafenmole angekommen ist der Abend hereingebrochen. Im viel besungenen Fischerviertel Santa Lucia sind an den zahlreichen Restaurants und Bars bereits überall die kleinen Lämpchen erleuchtet. Trotz einiger Touristen gehört es noch immer zu den stimmungsvollsten Orten der Nacht.

"Extrovertiert aber schön"
In der gemütlichen Trattoria Tabaccaio lernen wir bei Schwertfisch und Muscheln Rosario kennen. Auf die Frage, wie er seine Stadt einem Fremden beschreiben würde, muss der schwarz gelockte Kellner lachen: "E una città estroversa pero bella". Extrovertiert und schön, aber auch gefährlich? Der gutaussehende Neapolitaner schüttelt den Kopf. "Nein, warum? Die Bilder, die beispielsweise in den Mafiafilmen von Lina Wertmüller vorkommen, haben mit meiner Stadt nichts zu tun. Klar können hier Dinge passieren. Doch das geschieht ebenfalls in Paris, Mailand oder Berlin."

Während Rosario von seiner geliebten Stadt erzählt, fällt mir Pier Paolo Pasolini ein, der über ein typisches Erlebnis mit Neapel einst schrieb: "Einmal, während einer äußerst gefühlsgeladenen Episode mit einem Neapolitaner, habe ich plötzlich gemerkt, dass er mir gleichzeitig die Brieftasche mauste: Ich habe ihn einfach darauf aufmerksam gemacht, und wir haben uns noch mehr gemocht."

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     © Dominik Ruisinger