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ITALIEN LAND'S END

Der Salento bietet den südlichsten Zipfel Apuliens. Von Adria und Ionischem Meer umspült, liegt die Halbinsel nicht auf dem touristischen Präsentierteller. Weite Teile sind so erhalten, wie sie immer waren: bäuerlich und genügsam, mit verträumten Dörfern und trutzigen Burgen, rauen Klippen und einsamen Fjorden und reizvollen Städten wie der Barockmetropole Lecce, dem eleganten Treffpunkt Otranto und dem Fischerort Gallipoli.

"Buon Appetito". Giancarlo lächelte uns zu, als der Patron der gemütlichen Trattoria die Vorspeise präsentiert: Mit Kräutern und Fisch gefüllter Pulpo, gegrillter Chicoree, zart gedünstetes Gemüse. Draußen schlägt die Kirchenturmuhr. Es ist 9 Uhr abends in Lecce, einer wohlhabenden Universitätsstadt in der süditalienischen Provinz Apulien. Vor einer Stunde hat das Zentrum goldgelb geglüht. Übrigens wie jeden Abend, wenn sich die warme Sonne im Sandstein der Kirchen und Paläste spiegelt. Fast jedes der Gebäude prunkt mit Putten und Ornamenten, verspielten Säulen und verzierten Balkonen. Bildhauer, Steinmetze und Architekten hatten die weiche, modellierbare Substanz des hiesigen Tuffsteines in einer Opulenz genutzt, so dass man heute vom Lecceser Barock spricht. Kein Wunder, dass vor allem Kulturtouristen dieses 'Florenz des Südens' anzieht.

Lecce ist die Hauptstadt des Salento, der unbekannten "Bruderregion" des Gargano. Ganz am Sporn Italiens bildet sie den südöstlichsten Absatz des Stiefels. Von Adria und Ionischem Meer umspült, ist die Halbinsel noch weit davon entfernt, auf dem touristischen Präsentierteller zu liegen. Laut Fremdenverkehrsamt sind die Besucherzahlen in den letzten Jahren zwar stetig aber nur langsam gestiegen. Weite Teile sind so erhalten, wie sie immer waren: bäuerlich und selbstgenügsam, mit verträumten Dörfern und trutzigen Burgen, rauen Klippen und einsamen Fjorden, reich an Fischeridylle und unberührter Natur.

Die Wächter der Küste
Vom Lecceser Hausstrand San Cataldo mit seinen Diskotheken und Bars läuft eine Panoramaroute die adriatische Küste gen Süden. Entlang der zerklüfteten Felslandschaft liegen lebhafte Küstenorte in geschützten Badebuchten wie das aufstrebende Torre dell’Orso oder das sehr private San Andrea. Meist schmiegen sie sich um helle Dünenstrände vor einem dichten Pinienwald als Schutzmantel.

Wuchtige Wachtürme fallen uns auf. "Im Mittelalter dienten sie als Warnsystem, um uns vor Invasoren zu schützen", erzählt ein älterer Mann, der uns ein paar Meter begleitet. Heute zeichnen sich ihre Ruinen leuchtend weiß vor dem blauen Himmel ab und symbolisieren eine der historischen Überbleibsel der vielen Eroberer. Für Jahrhunderte war der Salento eine strategische Provinz, kolonisiert und besetzt von den großer Mächten dieser Tage. Und ob Römer, Byzantiner, Normannen oder Staufer - jede Dynastie hinterließ ihre sichtbaren Spuren.

Die gekaufte Stadt
Nördlich von Otranto tauchen die beiden Alimini-Seen auf, die sich parallel zum Meer die Küste entlang winden. Noch befindet sich das Baderevier weitgehend im Naturzustand: Ein geschlossener Gürtel aus Pinienwäldern und Kiefern, Feigenbäumen und Schilf umgibt den salzigen großen und den von Süßwasserquellen gespeisten kleinen See; Wege führen zu felsigen Badestellen. Der Tourismus ist noch nicht da, obwohl einzelne vermüllte Picknickplätze von negativen Vorboten erzählen. Im glasklaren Wasser tummeln sich Fische, auf den Steinen sonnen sich Eidechsen, durch die Luft schwirren Schmetterlinge. Ansonsten Stille. Einzig der Wind spielt mit Gräsern und Sträuchern.

Wenige Kilometer weiter stehen wir in der herausgeputzten Hafenstadt Otranto. Lange zieht sich die Uferpromenade den sandigen Stadtstrand bis in die weiß getünchte Altstadt hinauf. Schützend wacht eine trutzige Habsburgerfestung über die Stadt, seitdem 1480 bei einem Überfall der türkischen Flotte mehr als 12.000 Bewohner ermordet wurden. Am Fuß des alten Kastells schlängelt sich der enge Corso Garibaldi durch eine verwinkelte, orientalisch anmutende Altstadt. Im Gassengewirr zwischen engen Häuserschluchten versteckt sich die normannische Kathedrale, die vor allem wegen des wunderbaren Mosaikfußbodens aus dem 12. Jahrhundert ein Wallfahrtsort vieler Apulien-Reisenden ist.

Unterhalb des hohen Felsbuckels glitzert das glasklare Meer. Im kleinen Hafen legt gerade eine Fähre nach Griechenland ab; Sportboote und elegante Yachten schaukeln in der leichten Dünung. Sie sind Symbol für den Wandel der Stadt, hat der Tourismus die Fischerei längst ersetzt. Bewohner eröffneten elegante Boutiquen, Hotels und feine Restaurants, wo sich ausgezeichnete Fischsuppen genießen lassen. Zudem kauften wohlhabende Norditaliener das Zentrum fast komplett auf. So ist die östlichste Stadt Italiens mit 5.400 Einwohnern heute gerade im Sommer touristische Drehscheibe und Treff der süditalienischen Schickeria.

Apulische Fjorde
Südlich von Otranto zerklüftet die steinige Uferzone. Kleinere Buchten wechseln mit bizarren Felsgebilden und geheimnisvollen Grotten ab. Eine schmale Panoramastraße windet sich in luftige Höhe. Der Blick ist atemberaubend. Felsen fallen senkrecht in die Adria. Das Wasser blinkt in tiefblauen bis smaragdgrünen Farben, die Qualität ist wie überall im Salento hervorragend. Die Wellen des Meeres zerreiben die Kalkschichten und bilden fjordähnliche Einschnitte, die in die Klippenlandschaft einbrechen.

Warm ist der Tag, die Luft erfüllt vom Duft aus Pinien, Thymian und Rosmarin. In der kargen Landschaft fallen knorrige Olivenbäume, weiß gekalkte Gehöfte und vereinzelte Häuser auf, die in Fels gehauen dem Blick leicht entwischen können. Man versteht, warum der Salento Halbinsel der Oliven und Steine heißt. Kleine Orte tauchen auf: Das gepflegte Kurbad Santa Cesarea Therme, dessen frisch geweißte Gründerzeitvillen ein wenig geleckt in der rauen Gegend wirken. Tricase Porto mit dem kitschig-byzantinischen Märchenschloss, das über den Hafen wacht. Und das sympathische Castro mit dem kleinen Hafen auf Meereshöhe, den Zitronenplantagen, Kakteenwäldern und der hübschen Oberstadt, die einen Blick über die Küste werfen lässt.

Land’s End
Am Leuchtturm von Santa Maria di Leuca ist die Südspitze erreicht: Italiens Land's End. Hier treffen Adria und Ionisches Meer aufeinander, wacht über der Bucht eine Wallfahrtskirche – für gläubige Christen ein Pilgerziel. Am kleinen Hafen künden zahlreiche, herausgeputzte Villen der Jahrhundertwende von der einstigen Anziehungskraft des Ortes.

Fruchtbar, fast lieblich zeigt sich die Landschaft, als wir das ionische Meer wieder gen Norden hinauffahren. Die Küste ist flach, oft sandreich und lädt zum Baden ein. Der fruchtbare Ackerboden leuchtet rostbraun, Dünen sind mit Wildkräutern und Büschen bewachsen, die mediterrane Macchia zeigt sich an vielen Abschnitten unberührt, mit immergrünen Büschen und Steineichen, Mandel- und Erdbeerbäumen. Ursprünglich gab es hier nur Fischerorte. Heute sind aus befestigten Gutshöfen kleine Privathotels, sogenannte Masserien, erwachsen. Neue Feriensiedlungen, meist wild gewachsen, zersiedelt und ohne Kern, zeigen die andere Seite des Tourismus’.

Kilometer um Kilometer nähern wir uns Gallipoli. Sichelförmig erstreckt sich der helle Dünenstrand über die Bucht. Stichpisten führen durch dichten Nadelwald ans Wasser. Im sauber geharkten Sand trennen Liegestühle die Reviere farblich klar ab: rot, blau-weiß, orange. Das warme Abendlicht bringt den weißen Sand zum Glühen und taucht die Uferpromenade in eine romantische Stimmung - mit Gallipoli in Sichtweite.

Die schwarze Perle des Ionischen Meeres
Abendrot kriecht über die Dächer der Stadt. Wie eine schwimmende Festung liegt die Altstadt auf der Halbinsel. Hohe Mauern schützen die "Kale Polis", die schöne Stadt, wie die Griechen Gallipoli einst tauften. Auf dem breiten Befestigungswall erheben sich in Panoramalage kleine Kirchen. Umgeben nur vom klaren Meer, das sich im Winter oft zu einem aufbrausenden, Gischt speienden Ungetüm entwickelt und dann an der Stadt nagt. Enge Straßen führen in das orientalisch anmutende Gassenlabyrinth mit weißen Häusern, die sich zu Innenhöfen öffnen. An den Mauern sind Heiligenbilder eingelassen, zwischen den Häusern spannen Wäscheleinen, in der Luft mischt sich der Geruch des Waschpulvers mit dem frischen Fisches.

Unterhalb der mächtigen Festung als Brückenkopf zur Neustadt liegt der große Hafen. Schon am frühen Morgen ist hier Leben. Fischer sitzen am Hafenbecken: Die Schirmmütze tief in die Augen gezogen, einen Plastikbecher Kaffee in der Hand, die Zigarette im Mundwinkel säubern sie Netze und machen Boote startklar. Alltag für sie, wie schon seit Hunderten von Jahren. Wenig hat der Fischfang bis heute von seiner kommerziellen Bedeutung verloren. Hier sind die Uhren stehen geblieben, ist Gallipoli Stadt der Fischer geblieben, die dem Ort ihr authentisches Bild verleihen.

Die Zeit der Fischer
Als die Turmuhr 17 Uhr schlägt, bricht Hektik aus. Gleichzeitig schippern 50 bis 60 Kähne in den Hafen und ankern in fünfer Reihen am Pier. Kistenweise hieven die Fischer Makrelen, Goldbrassen, Rochen, Sardinen, Gamba und Thunfisch ans Ufer und in bereitstehende Kühlwägen. Auch Restaurants bekommen ihren Fang. Der Rest geht an die wartende Menge. Schnell bildet sich ein Kreis, die Ware wird begutachtet, über Preise gefeilscht. Die erste Kiste ist sofort verkauft. Nächste Kiste: Diesmal Sepia, Pulpo, Kalamares. Ein Fischer setzt zwei Langusten oben drauf.

Und Tourismus? „Nur im Hochsommer“ erzählt der Tankwart. "Da werden Sie keine Freude haben. Die Geschäfte sind überfüllt, die Waren teuer, die Menschen unfreundlich." Der ergraute Mann schüttelt seinen Kopf. "Kommen Sie lieber im Mai, Juni oder ab September. Dann ist es hier wundervoll, und Sie erleben Gallipoli als das, was der Name schon sagt: Die schöne Stadt.“

Der Wind hat jetzt am Abend deutlich aufgefrischt, als wir durch die Gassen flanieren. "Bald wird es regnen", ruft uns die Barfrau zu. Vielleicht. Zwei Stunden später in einem Restaurant am Hafen: Der Kellner serviert Vorspeisen: Austern, Muscheln, Seeigel, Garnelen, alles roh, nur mit etwas Zitrone beträufelt. Allein dieser Köstlichkeiten wegen müsste man jedes Jahr einen Abstecher in den Salento fest einplanen.
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     © Dominik Ruisinger