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PER BOOT DURCH DAS "GRÜNE VENEDIG"

Das französische Marais Poitevin wird als „Grünes Venedig“ gepriesen: Eine verwunschene Landschaft im Dreieck zwischen La Rochelle, Poitiers und Niort. Und ohne ein baté, wie hier die Boote genannt werden, läuft nichts. Eine Fahrt mit einem französischen Gondoliere durch die Kanäle.

"Ich war fünf Jahre alt, als ich zum ersten Mal im Boot saß", erzählt Jacques, als er unsere schwarze Holzbarke von der Anlegestelle abstößt. "Mein Schulweg betrug vier Kilometer. Zwei davon per Boot. Denn außer Kanälen gab es in diesem Gebiet nichts." Heute ist Jacques 72 Jahre alt. Und nur wenig hat sich an der Bedeutung der Wasserwege in seiner Heimat, dem Marais Poitevin, geändert. 16.000 Hektar umfasst die als 'Grünes Venedig' gepriesene, verwunschene Landschaft im westfranzösischen Dreieck zwischen La Rochelle, Poitiers und Niort. Und ohne ein baté, wie das vorne breit und hinten spitz zulaufende Boot genannt wird, kommt hier niemand aus.

Wie ein venezianischer Gondoliere manövriert Jacques das flache Boot durch das wildverzweigte Netz an Läufen. Auf dem spitzen Heck stehend, taucht er seine Ruder, die Pigouille, ein und wieder aus. Lautlos gleiten wir so durch einen grünen Teppich aus winzigen Wasserlinsen, die bei Wärme aus der Tiefe emporsteigen. Rechts und links säumen Eschen, Pappeln, Weiden und meterhohes Schilf die kleinen Kanäle, conches genannt. Armdicke Wurzeln umgestürzter Bäume ragen ins Wasser, meist gefällt von Stürmen, die der nahe Atlantik hereinpeitscht. Unter dem grünen Gewölbe der schattenspendenden Bäume schimmern fruchtbare Parzellen durch. Dort gedeihen Artischocken, Zucchini, Kürbis und vor allem Mojettes, die schmackhaften weißen Bohnen. Plötzlich schwingt sich vor uns ein Fischreiher aus dem Wasser. Uns vorausfliegend zeigt er den Weg durch das Wasserlabyrinth.

Wild verzweigtes Netz an verwunschenen Wasserwege
Rund 100 Kilometer Länge umfasst dieses wilde Geflecht aus Gräben, Wasserläufen und Rinnen. Überall lässt sich halt machen. Ob an Picknick-Arealen oder in schmucken Dörfern wie Arçais, Damvix oder Coulon, dem Zentrum des Marais. Malerisch säumen hier die typisch niedrigen Häuser, weiß gekalkt und mit bunten Fensterläden, den Kai, wo sich wie überall in der Region Kanus oder Boote leihen lassen.

"Nehmt euch einen Guide", hatte Jean-Pierre vom historischen Museum Maison du Marais Mouillé empfohlen. "Nur so werdet ihr den Geheimnissen des Marais auf die Spur kommen." Er sollte Recht behalten. Jacques kennt die Moorlandschaft wie seine Westentasche. Er gehörte zu den ersten Guides, die vor rund 30 Jahren durch das heutige Naturschutzgebiet führten. "Ich bin hier im Wasser praktisch aufgewachsen", lächelt der braungebrannte Gondoliere, bevor er uns die lange Geschichte des Marais erzählt.

Einst eine Meeresbucht mit verstreuten Kalksteininseln, siedelten sich im frühen Mittelalter Klöster und Ortschaften an. Noch heute erinnert die eindrucksvolle Ruine der Benediktinerabtei in Maillezais an diese Zeit. Als das Meer langsam zurückwich, begannen die Mönche mit der Trockenlegung des Sumpfgebietes. Heinrich IV legte schließlich im 16. Jahrhundert die Basis für die zwei Gesichter des Marais: Im heutigen Marais Desséché ließ er das Feuchtmoor durch Kanäle, Deiche und Schleusen austrocknen. Noch heute schützen sie das fruchtbare Acker- und Weideland und die weitläufigen, bis zum Atlantik reichenden Getreideflächen vor Hochwasser und Fluten. Im reizvolleren Marais Mouillé dauerte es bis ins 19. Jahrhundert, als man ein Netz aus Gräben, Kanälen, Dämmen und Schleusen erbaute. Zu beiden Seiten des Flusses Sèvre Niortaise entstand eine wundervolle Kanallandschaft, die der hiesige Journalist Henri Clouzot 1930 auf den Namen 'Venise Verte' taufte. Ein Titel, der sich bis heute gehalten hat.

Rinder, Wildenten, Fischotter, Vögel – aber keine Mücken
Immer tiefer dringen wir in die verwunschene, stille Welt ein. Nur das leise Platschen der Stake und das Rascheln der silbrig glänzenden Pappeln ist zu hören. Die Sonne lässt das Wasser in einem zartgrünen Licht leuchten, während Sonnenblumenfelder die Ufer in eine gelbe Farbe hüllen. Ab und zu begegnen wir einem anderen Boot. Ein kurzes "Bonjour" - schon sind wir wieder mit der Natur allein.

Am Ufer drängen sich weißfellige Rinder. Eine Abzäunung benötigen sie nicht. Die nächste Conche ist nicht weit. In der Stille der nahrungsreichen Wiesen haben auch Wildenten und Fischotter, Biber und Frösche, Falken und Zugvögel ihr Refugium gefunden. "Und Stechmücken?" Jacques schüttelt den Kopf. "Nein, glücklicherweise nicht. Ihre auf den Wasserlinsen abgelegten Larven werden sofort von Libellen und Fischen gefressen." Das 'Grüne Venedig' ist eine geheimnisvolle Welt, ein Ort der stillen Genießer wie der Gourmets. So tummeln sich im Süßwasser Zander, Hechte, Krebse und vor allem der Aal als wahrer König des Marais, die zusammen mit Schnecken in Butter, Lamm oder Krautwickel die Gaumen verwöhnen.

Lässt sich das 'Grüne Venedig' ebenso per Fuß oder Rad erkunden, ist die Barke noch immer Fortbewegungsmittel Nummer eins. "Bis in die 60er Jahre transportierten die Bewohner damit Holz und Ernte", erklärt unser Bootsführer die Bedeutung der breiten und stabilen Boote. "Sie jagten Fische, brachten ihre Kinder zur Schule und das Vieh auf die saftigen Weiden, im Frühjahr hin und im Spätherbst wieder zurück." Befand sich der Lebensrhythmus der Maraîchins fest in der Hand der Boote, sind noch heute viele Häuser nur über den Wasserweg erreichbar. So ticken die Uhren weiter im Takt der Pigouille, mit der die Bootsleute den Kahn durch die Wasserstraßen staken. Kurz vor Ende der Route fahren wir unter einer kleinen Brücke durch. "Das ist unsere Seufzerbrücke", schmunzelt Jacques. Auch darauf müssen wir in der grünen Schwester des venezianischen Originals nicht verzichten.

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     © Dominik Ruisinger