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DAS MUSEUM DER V2

Nahe der nordfranzösischen Kleinstadt Saint-Omer liegt das Museum La Coupole. Von dieser ehemaligen Raketenbasis wollten einst die Nazis V2-Waffen auf England schießen. Doch dazu kam es nie. Heute erinnert das moderne Museum an diese Zeit.

Es ist das Jahr 1943. In Europa herrscht Krieg. Auch Frankreich ist von den Nazis besetzt. Doch die Alliierten kommen näher. Fieberhaft wird an der Entwicklung neuer Waffen geforscht, um dem Krieg eine Wendung zu geben. Hitler setzt seine ganze Hoffnung auf die neuen Wunderwaffen: Die Vergeltungswaffen V1 und V2. Entlang der nordfranzösischen Küste lässt er Abschussrampen errichten. Im Oktober beginnt die Organisation Todt, nahe der Kleinstadt Saint-Omer im Département Pas-de-Calais eine riesige unterirdische Anlage zu bauen. Ziel: Abschuss der V2 auf London. Doch sie wird von hier aus nie starten.

Heute, über 60 Jahre später, ist La Coupole – so der Name der Raketenbasis – eines der wichtigsten Museen über den 2. Weltkrieg, die Besetzung Nordfrankreichs und die Eroberung des Weltraums. Schon aus der Ferne fällt die weiße Kuppel des "Zentrums für Kriegs- und Raketengeschichte" auf, die auf einem Bergplateau aus der Landschaft sticht. Beim Betreten der Erinnerungsstätte fühlt man sich in die dunkle Zeit des NS-Regimes zurückversetzt. Nüchtern, kalt und eng ist der Tunnel, der durch den unterirdischen Stollen führt. 1300 Zwangsarbeiter gruben in den Jahren 1943/44 ein immenses Tunnelsystem in das Kreideplateau. Hier sollte die Basis liegen, um V2-Raketen zu lagern, vorzubereiten und auf das nur 200 Kilometer entfernte London abzuschießen. Auch die SS war beteiligt und lieferte immer neue Arbeitskräfte an. Deren Spur wird sich später verlieren.

Multimediale Präsentation
Vom Stollen geht es 42 Meter hoch unter die Betonkuppel, die einst als Schutz der Baustelle vor Bomben konstruiert wurde. Ihre Ausmaße sind gigantisch: 71 Meter Durchmesser, fünf Meter Stärke, 55.000 Tonnen Gewicht. Direkt vor dem Fahrstuhlausgang eine rekonstruierte V2-Rakete. Streng, klar und ohne Sensationslust sind die Informationen dargeboten. An den Wänden hängen Fotos, flimmern Videoprojektionen und Diaschauen. In den Kinosälen laufen Filme über die Kernthemen des Museums: Die Geheimwaffen Hitlers und die Besatzung Nordfrankreichs, das durch seine strategische Lage gegenüber Englands ein besonders hartes Schicksal erlitt. Das Museum ist multimedial auf die Moderne ausgerichtet. Dokumente und Texte zum lesen, Tonbänder und Audiodokumente zum hören, Karten und Modelle zum verstehen. Aussagen von Zeitzeugen dokumentieren Schicksale, Sonderausstellungen widmen sich Spezialthemen. Die breite Medienvielfalt zieht viele Schulklassen an.

Von der V2-Rakete zur Mondfahrt
Ein paar Meter weiter wird die enge Verbindung zwischen technischer Innovation, Wissenschaft und Krieg deutlich: "Die Eroberung des Weltraums 1945 bis 1969" oder: Vom tödlichen Flugkörper zur friedlichen Eroberung des Weltalls - ging diese doch klar aus der V2-Technologie hervor. So hatte es in den letzten Kriegstagen geradezu einen Run auf die Raketentechnologie gegeben. Die Alliierten griffen sich die wichtigsten Ingenieure und Köpfe – unter ihnen als Schlüsselfigur und Vater der V2, Wernher von Braun. Ein enormer Technologietransfer folgte, militärische Raketen und Trägerraketen der Raumfahrt in den 50er und 60er Jahren wurden zu direkten V2-Nachfolgern. Gleichzeitig überging man in den NS-Prozessen die Rolle der Ingenieure. Auch an dieses wenig bekannte Thema erinnert La Coupole.

Denkmal als Erinnerung
Eine Etage tiefer das Polygon, einst die Abschussvorbereitungshalle. In diesem strategischen Zentrum sollten die Raketen mit Treibstoff geladen, die Lenkung eingestellt, sie nach außen gezogen und vom Steinbruch aus senkrecht abgeschossen werden. Die Angriffspläne sahen 50 Raketen innerhalb von 24 Stunden auf London vor. Doch so weit kam es nicht. Denn Anfang 1944 griffen die Alliierten an. Über 3000 Tonnen Bomben fielen, die Arbeiten wurden verzögert, die Coupole selbst blieb unversehrt. Erst nach der Landung in der Normandie befahl Hitler am 28. Juli die Einstellung der Bauarbeiten – nur wenige Woche vor der Fertigstellung. Heute gehört La Coupole sicherlich zu den beeindruckendsten Überresten des Zweiten Weltkrieges. Von den Nazis zur Zerstörung der Demokratie geplant, fördert sie als historischer Ort und Museum für Geschichte die Auseinandersetzung mit diesem düsteren Kapitel. Schon deswegen ist sie einen Besuch wert.
 
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     © Dominik Ruisinger