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MAHNMAL GEGEN DAS VERGESSEN

Bei einer blutigen Schlacht im Spanischen Bürgerkrieg wurde Belchite völlig zerstört. Lange Zeit durfte die aragonische Stadt auf Befehl Francos nicht wieder aufgebaut werden. Auch heute noch erinnert die nordspanische Ruinenstadt an die Geschehnisse vor knapp 70 Jahren. Besuch und Rückblick.

Totenstille liegt über dem Ort. Nur das Geräusch der eigenen Schritte hallt durch die verwaisten Gassen. Zwei herumstreunende Katzen lecken sich in der grellen Sonne das Fell, von Menschen keine Spur. Wir befinden uns in Belchite, 49 Kilometer südlich von Zaragoza, auf dem höchsten Punkt der Hochebene Aragoniens. In einer Ruinenstadt, die noch heute auf einen Schauplatz im Spanischen Bürgerkrieg vor 66 Jahren hinweist. Auch wenn die Spuren der Zerstörung unübersehbar sind, strahlt die steinerne Pracht eine Anziehung aus, der sich kaum einer der wenigen Besucher entziehen kann.

Schritt für Schritt folgen wir der Spur der ehemaligen Hauptstraße. Häuserüberreste dienen als Orientierungshilfe auf dem steinigen, unebenen Weg durch die Stadtruine. An den Gebäuden zeugen Einschusslöcher von einer vergangenen, vergessenen und jetzt wieder wach werdenden Zeit. Einst prächtige Baukunstwerke ragen wie Mahnmale in den blauen Himmel, an dem Wolken vom Wind gepeitscht hin und her stieben. "Tod dem Faschismus" ist in eine Mauer eingeritzt - ein stummer Schrei in dieser einsamen Stille.

Die Schlacht um Belchite
Rückblende: Im Sommer 1937 herrscht Krieg in Spanien. Generäle um Francisco Franco haben ein Jahr zuvor gegen die gewählte Regierung geputscht und damit den Spanischen Bürgerkrieg ausgelöst. Um die Nordoffensive der Franquisten zu stoppen, beschließt das Oberkommando der Spanischen Republik die Einnahme Zaragozas. Auch kleinere Orte gewinnen dabei an strategischer Bedeutung. Eine Angriffslinie hat die Eroberung Belchites zum Ziel.

Am 24. August beginnt eine der brutalsten Schlachten in der Chronik des Bürgerkriegs. Zwei Wochen lang trommeln Tag und Nacht die Mörsergranaten, rattert MG-Feuer, zerreißen Schreie die Stille Aragoniens. Zivilisten gelangen in die Schusslinie von Republikanern und Nationalen. Tausende sterben in Gassen, Höfen, auf Plätzen bei dem Kampf um jedes Haus. Nachts sind in der weiten Ferne die Lichter Zaragozas zu erkennen, die wie "die beleuchteten Kabinenfenster eines langen Ozeandampfers" wirken. So schreibt George Orwell 1938 in seiner 'Homage to Catalonia'.

Lange Zeit widersteht die eingekesselte Stadt den Angriffen. Zäh verteidigt sie sich gegen die überlegenen republikanischen Streitkräfte - trotz glühender Hitze und abgeschnittener Wasserzufuhr. Erst am zwölften Tag, dem 6. September, erlischt der Widerstand. Die Mehrzahl der 2500 Verteidiger ist tot. Belchite fällt in republikanische Hand. Auch der von den Nationalen eingesetzte Bürgermeister Alfonso Trallero ist mit dem Gewehr in der Hand auf den Mauern gefallen.

Denkmal für nationales Heldentum
Ein "Gestank von Exkrementen und verfaulenden Lebensmitteln" liegt über der zerbombten Stadt, charakterisiert Orwell, der selbst auf Seiten der Republik an der Front von Aragonien kämpft, diesen typischen Geruch des Krieges. 5000 Menschen sterben beim Kampf um die Stadt. Heute erinnert im Zentrum ein mehrere Meter hohes Kreuz an die Opfer. Vor ihm steht eine schwarz gekleidete Frau im stillen Gebet. Nur mit Mühe stemmt sie sich gegen den schneidenden Sturm, der alles wegzublasen scheint, was sich ihm in den Weg stellt. Dem Kreuz gegenüber hat sich ein typisch aragonischer Backsteinturm - von Einschüssen durchlöchert - bis heute standhaft gehalten.

Die Republikaner haben bei Belchite einen Sieg errungen - jedoch einen bitteren. Denn mangels Nachschub kann der Erfolg den Vormarsch Francos nicht stoppen. Als seine Anhänger in einer Gegenoffensive das Städtchen am 10. März 1938 wieder einnehmen, ist der Ort bereits von der Landkarte ausradiert, seine bis in die vorrömische Zeit zurück reichende Geschichte abrupt und für immer zerstört.

Franco befiehlt, das Ruinenfeld auch nach Ende des Krieges unangetastet zu lassen. Als Mahnung an die Republikaner und Denkmal für nationales Heldentum sollen die Trümmer mit ihrer eigenen ästhetischen Kraft die Erinnerung daran wach halten, welche Opfer der Sieg gekostet hatte. Erst im Jahre 1954 beschließen die Verantwortlichen, in einem Kilometer Entfernung ein neues Dorf zu erbauen. Der alte Ort bleibt aber wie er war.

Vergewaltigung der Schönheit
Die Kirche San Martín reflektiert beispielhaft die Vergewaltigung vergangener Schönheit. Hier befand sich das Zentrum der Nationalen und der Schlüsselpunkt der Kämpfe. Der republikanische Brigadekommissar Steve Nelson schrieb dazu: "Sie machten die Kirchen zu Festungen, spickten die Türme mit Maschinengewehren und nannten dann die Republikaner gottlose Bolschewiken und Atheisten, weil sie Kirchen angriffen." Die Ziegelsteinmauern sind von Projektilen perforiert. Die Eingangstür hängt nur noch halb in den Angeln. Im Wind schlägt sie hin und her. Trotz allen Verfalls trägt der Innenraum unter dem weggebombten Dach noch viel Glanz: drei Kirchenschiffe, prächtig erhalten, verzierte Kapitelle um die vergoldete Kuppel, Rippen, die das einst mächtige Dachstuhlgewölbe gut erahnen lassen. Gegenüber von San Martín stand das alte Konvent San Rafael. Heute ist seine Ruine nur in Grundmauern erhalten. Im ehemaligen Innenraum haben Blumen ihre Heimat gefunden.

Der Zahn der Zeit nagt deutlich und immer stärker an der Trümmerstadt. Von den zweigeschossigen Wohnhäusern aus Lehm und Stein, die sich einst um die Kirche als Stadtzentrum drängten, sind Einsturz gefährdete Bauwerke geblieben. Balkone hängen vereinzelt über den staubigen Gassen, Fenster haben ihre Gläser verloren. Mauern, hinter denen sich einst MG-Schützen verschanzt hatten, sind nur notdürftig gestützt. Ein Emaille-Schild mit der Nummer 8 an einem Torbogen erinnert an das frühere Gebäude. Doch das ist schon lange weg.

Von weitem zieht ein imposanter, fast unberührt gebliebener Turm die Aufmerksamkeit auf sich. Als wir uns nähern, wird die vergangene Schönheit der alten Kirche San Agustín sichtbar: Das lichtdurchflutete Skelett des Hauptbaus, reich an verzierten Gewölberesten und bewachsenen Fresken - wenn auch von Schüssen durchlöchert. Hinter dem Gotteshaus hat eine Schafsherde ihren Weidegrund gefunden. Ihre Ruhe wird nur selten gestört. Denn mehr als eine Handvoll Besucher kommt pro Tag nicht her, erklärt der alte Schäfer mit einem freundlichen Lächeln.

Mahnmal gegen das Vergessen?
Ein Sturmböe peitscht Sand in Pirouetten durch den verlassenen Ort. Ein Blick über die braunen Felder der Hochebene offenbart die Trockenheit der Region. Ausgedörrte Sträucher und vereinzelte Olivenbäume bestimmen das Bild. Blumen oder Obstbäume? Fehlanzeige. Nichts als endlose Weite, kahl und leer. Am fernen Horizont, wo Land und Himmel sanft zusammenfließen, verschwimmen die Sierras im Dunst der flirrenden Hitze, die uns ins Gesicht schlägt. Es ist Zeit, den Ort wieder zu verlassen.

Belchite als Mahnmal, das einen schmerzhaften Zeitabschnitt vor dem Vergessen bewahrt? Vielleicht lässt sich so die häufig auftauchende Frage beantworten, warum der Ort bis zum jetzigen Zeitpunkt in seinem Zustand belassen wurde. Denn selbst wenn heute Schafe auf dem blutdurchtränkten Boden in Frieden grasen, bleiben die Überreste menschlichen Hasses für jeden allgegenwärtig. Und dies wohl noch für lange Zeit.

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     © Dominik Ruisinger