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LIPPEN IM DIALOG
Wichtig, beliebt, verbreitet, bedeutsam: Über die Bedeutung des Kusses als aussagekräftiges Medium der Mund-zu-Mund-Kommunikation.

Wer auf google.de die Begriffskombination "Mund zu Mund Kommunikation" eingibt, erhält rund 350 Ergebnisse. Die Themen sind breit gefächert: Von der Bedeutung der Mund-zu-Mund-Kommunikation zu Vertriebszwecken - "100 zufriedene Kunden gewinnen durchschnittlich 30 neue Kunden", als Bestandteil von Qualifizierungsprogrammen im Bereich Produktmanagement, über die Rolle bei der Vermarktung hochpreisiger Dienstleistungen bis zu den Gefahren, die durch negative Erfahrungsberichte lauern. Für das Unternehmen übrigens umso schädlicher, je einflussreicher der Kunde ist, und je mehr soziale Kontakte er unterhält", gefunden hier bei KFZ-Wirtschaft.

Stets ist hierbei die Rede von den Chancen und Risiken bei der Weitergabe von Informationen, Wissen und Erfahrungen durch Mund-zu-Mund-Kommunikation. Besonders wichtig ist diese Austauschform im Internet - angesichts der Massen an Websites. Insbesondere dann, wenn man dieses Medium als Mittel zur aktiv-vernetzten Dialogfindung mit attraktiven Multiplikatoren nutzen will. Viele von ihnen haben sich zu Interessensgruppen formiert und pflegen im Web eine ausgiebige Mund-zu-Mund-Kommunikation. Top-Sites, aktuelle Entwicklungen und neueste „Hypes“ werden wie Flops, fehlerhafte Daten und misslungene Produkte rasend schnell verbreitet. Per Mund-zu-Mund-Kommunikation - auch wenn dieser Begriff hier im übertragenen Sinn gesehen werden muss.

Denn gehen wir mal auf die Bedeutung der Mund-zu-Mund-Kommunikation etwas tiefer ein. Was steckt hinter diesem Begriff, wenn man ihn wörtlich nimmt? Was passiert denn, wenn Mund an Mund mit- und aneinander kommunizieren? Alte und Junge, Männer und Frauen, bekannte und fremde Kulturen kennen dieses Geschehnis, pflegen, hegen und lieben ihn: Den Kuss.

„Zeig mir deine Lippen, und ich sag dir, wer du bist.“
Um die Bedeutung dieses Verständigungsmediums zu verstehen, müssen wir die Zeit etwas zurückspulen. Als älteste Form zwischenmenschlicher Verständigung gilt die non-verbale Kommunikation. Und noch heute ist sichtbar: Wenn Menschen nicht verbal miteinander kommunizieren, spricht der Körper selbst. Er strahlt Signale aus, schirmt den Menschen ab, macht andere neugierig auf ihn oder lehnt sie ab.

Auch der Kuss zählt zu den Anfängen der Entwicklungsgeschichte hinzu. Er ist ein schon von unseren vormenschlichen Ahnen aus der Kinderaufzucht abgeleitetes Verhaltensmuster - der noch heute bei Tieren zu beobachtenden Mund-zu-Mund-Fütterung. Seitdem hat sich diese Art der Sprache, der Annäherung, der Vertrautheit, der Nähe und Liebe verbreitet, so dass niemand ohne sie auskommen will und kann.

Heute ist der Kuss wesentlicher Bestandteil zwischenmenschlicher Kommunikation. Über 100.000 Küsse soll ein Mensch durchschnittlich in seinem Leben verteilen. Ausgetauscht zum Zeichen des Vertrauens, aus Hingabe, aus zärtlichen Gefühlen, zur Steigerung der Lust. Er ist ein Symbol der Liebe oder zumindest inniger Nähe. Eine non-verbale Sprach- und Ausdrucksform mit individuellem Dialekt, weist die Dialogsform große Unterschiede zwischen den Kulturen auf. Man könnte sie vielleicht so überschreiben: „Zeig mir deine Lippen, und ich sag dir, wer du bist.“

Bedeutungsvolle Küsse
Wer sich mit den unterschiedlichen Aussagen dieser Ausdrucksform näher auseinandersetzt, findet viele Formen der Mund-zu-Mund-Kommunikation. Beginnen wir wieder mit einer Suche im Internet. 40.300 Ergebnisse ergibt die Suchkombination aus „Kuss“ und „Kommunikation“ bei google.de. "Willkommen auf der Kuss-Seite" begrüßt beispielsweise die wunderschöne Website gekuesst.de. Ein wirkliches Paradies für denjenigen, der sich mit der Bedeutung von Küssen auseinandersetzt. Knapp drei Dutzend Kussarten werden allein hier aufgeführt. Und es gibt neben dem Kuss aus Leidenschaft oder dem ersten Kuss noch wirklich viele andere Gründe für eine Annäherung der Lippen – und jede mit ihrer eigenen Bedeutung.

Denken wir einmal nur an den Politischen Kuss, mit dem so unterschiedliche Führer wie Erich Honecker und Leonid Breschnew miteinander kommunizieren. Wie oft wurde diese Bild reproduziert? Heute gilt diese kräftige Lippenbegegnung als Inbegriff für die sowjetisch-ostdeutsche Kommunikationssprache – als Bruderkuss. Oder auf der Leinwand: Ingrid Bergmann und Humphrey Bogart küssten sich in „Casablanca“, Marcello Mastroianni und Anita Ekberg genossen gemeinsam an den Lippen ihr „Dolce Vita“ in Rom, Leonardo di Caprio und Kate Winslet verschwanden weniger glücklich mit der Titanic in den Fluten des Eismeeres. Wobei letztere übrigens später behauptete, dass Leonardo ganz schrecklich küssen würde. Sorgte 1896 der erste Filmkuss in "Die Witwe Jones" noch für einen Skandal, sind diese Lippenbekenntnisse heute schon Klassiker für den Liebesbeweis im Film.

Noch zwei Beispiele für symbolkräftige Kussformen: Zeigt der nicht weit verbreitete Gute-Nacht-Kuss den Jüngsten unter uns nicht klar an, dass der Tag für sie jetzt zu Ende ist? Und soll der meist nur sehr zärtlich und vorsichtig dahingehauchte Hochzeitskuss das zuvor vereinbarte nicht nur abschließen und dabei allen Nahestehenden zeigen, dass diese Vereinigung lange halten wird? Ein Kuss mit klarer Aussagekraft also, auch wenn sie sich in rund einem Drittel aller Fälle als Irrtum herausstellt. So etwas nennt man dann wohl eine misslungene Kommunikation.

Ansteckendes Wellness-Programm
Rein chemisch betrachtet ist so ein Liebeskuss wenig verlockend: Mit dem Speichel tauschen die züngelnden Partner neben Wasser und Fetten auch Bakterien und Viren aus. Eine eher ansteckende Kommunikation also. Und eine anstrengende hinzu. Kräftig sind die zahlreichen, um den Mund herum gelegenen Muskeln damit beschäftigt, Ober- und Unterlippe vor und zurück zu bewegen. Abhängig natürlich von der Intensität des Kusses.

Doch diese Faktoren interessiert uns Küssende in dem Moment wenig. Wir genießen die weiche, meist warme Berührung und den Geschmack, lassen unseren Puls auf 150 Schläge in der Minute ansteigen und unsere Seele von den ausgeschütteten Glückshormonen – den Endorphinen - in ein euphorisches Stimmungshoch versetzen. Der Kuss wird so quasi zum "biologischen Wellness-Programm" (Quelle: http://www.cpa-reutlingen.de). Und noch etwas positives: Regelmäßiges Küssen soll die Lebenserwartung erhöhen. Heißt es zumindest.

Mund-zu-Mund-Rekorde
Kein Wunder also, dass bei all diesen positiven Wirkungen viele unersättlich im Küssen sind. Zumindest die Rekorde sind beeindruckend. Einige Beispiele für die weltweiten Kuss-Orgien: Der längste Kuss dauerte 30,45 Stunden. So lange klebten die Lippen der Israeli Dror Orpaz and Carmit Tsubara aneinander - ohne Pause. Unter Wasser brachte es ein japanisches Paar immerhin auf 2:18 Minuten, in der Filmschmonzette "You're in the Army now" ein Paar auf 3:05 Minuten, in Andy Warhols Experimentalfilm "Kiss" alle Akteure zusammen auf 50 Minuten Speicheltausch.

Ganz allein schaffte es dagegen der Amerikaner Alfred Wolfram, in acht Stunden 8001 Frauen zu küssen - immerhin alle 3,6 Sekunden eine, der RadioFritz-Moderator Jan Weyrauch 1997 vor Beginn des Konzertes der früheren Hardrock-Band KISS immerhin 80 Frauen. Und dies in drei Minuten. Zur Belohnung gab es den Guinness-Rekord im Schnellküssen. Mehr zu den Kuss-Rekorden finden Sie übrigens auf http://www.guinness.de und http://www.recordholders.org/de/records/kiss.html.

Fazit: Küsse vermitteln Sicherheit und Sinnlichkeit. Eine uralte Geste als Ritual der Nähe, das sich über Jahrtausende erhalten hat. Der Kuss ist immer ein Dialog zwischen - zumeist - gleichberechtigten Partnern. Beide spielen beim Küssen zwei Rollen: Geben und Nehmen zur gleichen Zeit. Und nicht nur dies macht diese Dialogform so einzigartig unter den Formen heutiger Kommunikation.

     © Dominik Ruisinger